Hörenswert

Arnold Schönberg: "Lieder". Fast könnte man sie für einen Schnellkurs in Musikgeschichte benutzen, die Jahre betreffend zwischen der verlorenen Tonalität und der wiedergefundenen Ordnung im Prinzip der Zwölftontechnik. Oder in Ästhetik, die Frage berührend, wie der durch einen Text vermittelte Affekt sich verändert, verdoppelt, verschiebt oder auch eliminiert durch bestimmte musikalische Gesten. Lieder des Dreiundzwanzigjährigen, der Brahms und Mahler nacheiferte, also autonome Formen suchte, und solche des mit knapp sechzig Jahren noch vor der Emigration Stehenden. (Merkwürdig, daß das amerikanische Exil gar nichts in dieser Richtung einbrachte.) Dietrich Fischer-Dieskau wie Aribert Reimann erfüllen beides: die Expressivität wie die formale Strenge, und so geht von diesen Liedern eine bemerkenswerte Herbheit aus, eine Melancholie des Blicks zurück, ein schmerzhaftes tiefes Sich-Versenken in Empfindungen, die sich nur schwer noch nacherleben lassen – und die doch wieder uns bedrängen. Auch damals war die Angst offenbar schon groß, verbarg sie sich – wie heute – hinter Lautem und Hartem und Beißendem, damit sie jedenfalls nicht selber so sehr leide. (EMI 1 C 067 1467 421)

Heinz Josef Herbort

Achim Kühn & Friends: "Scurrlity". Wie über viele Titel wird man auch eine Weile über diesen sinnen, weil man in der Musik – auch im so genannten Stück – nicht findet, was er sagt: Sie ist nicht zotig noch gemein, nicht einmal Frechheiten macht man darin aus. Nur eins ist vom ersten Stück an klar, daß die acht Musiker und die Sängerin Ute Becker (sie hat eine hübsche helle Stimme mit einer Ausstrahlung) sehr frisch musizieren. Sie machen originellen, temperamentvollen, manchen trockenen und derben, auch kühlen Partien zum Trotz auffallend klingenden Jazz. Man hört sich schnell ein, fühlt sich bald vertraut und ist ein wenig überrascht, daß es schon zu Ende ist, wenn es zu Ende ist. In den Liedern geht es lyrisch zu bis in die Instrumentation, mit dem vibraphonartigen Klang des E-Pianos, durchsichtig wie das in diesen Stücken beinah zärtliche Schlagzeug. Sie hätten die Texte beifügen sollen! (Blind Man Music, Keßlerstraße 39, 32 Hildesheim; Best.-Nr. BL 06-309) Manfred Sack