Washingtons Rüstungspolitik belastet das Ost-West-Verhältnis und gefährdet die Zukunft

Von W. Averell Harriman

Drei Jahre lang habe ich mich jeder direkten Kritik am Präsidenten der Vereinigten Staaten enthalten. Ich habe mich zurückgehalten, weil ich der Ansicht bin, daß Amerika der Welt ein Bild der Einheit bieten muß – besonders seinem bedeutsamsten Widersacher, der Sowjetunion. Auch glaube ich, daß jedem Präsidenten eine faire Spanne eingeräumt werden muß, in der er seine Ziele anvisieren und seine Politik ausprobieren kann. In diesem Sinne sollte die Parteipolitik an den heimischen Gestaden aufhören.

Doch kann dies nicht heißen, daß Kritik auf unbegrenzte Zeit unterdrückt werden darf, ganz gleich, wie falsch ein Präsident liegt oder wie kritisch die Weltlage wird. Präsident Reagan hat seine faire Chance gehabt. Er darf nicht länger erwarten, daß die Amerikaner eine Politik unterstützen, die das Verhältnis mit der Sowjetunion gefahr renträchtiger macht als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt im Leben unserer Generation. Dies ist das traurige Resultat der Diplomatie, die Reagans Regierung verfolgt: Wenn die gegenwärtigen Entwicklungen bei der Kernwaffenrüstung und in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen noch lange ihren Lauf nehmen dürfen, könnten wir uns nicht nur dem Risiko, sondern der Realität eines nuklearen Krieges gegenübersehen. In solch einer Lage zu schweigen, ist nicht patriotisch, sondern verantwortungslos.

Die falsche Grenada-Lehre

Im vorigen Monat sind die Verhandlungen über eine Begrenzung der Kernwaffen zusammengebrochen. Die Kontakte aller Art zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sind gestört. Statt dessen erleben wir Propaganda-Sperrfeuer und das Spektakel, daß die Führer der beiden mächtigsten Nationen auf Erden Beleidigungen austauschen, als gehe es nur um ihren persönlichen Stolz und ihr politisches Überleben, wo doch in Wirklichkeit viel Ernsteres auf dem Spiel steht. Trunken von den Meinungsumfragen und dem überwältigenden Sieg, den 6000 Amerikaner über 600 Kubaner auf Grenada errungen haben, scheint die Reagan-Administration jetzt die falsche Lehre aus diesem Erlebnis zu ziehen. Sie riskiert dabei Niederlagen einer Größenordnung, die sie sich offenbar nicht einmal vorzustellen vermag.

Im Nahen Osten gerät die Regierung Reagan Tag für Tag tiefer in den Schlamassel. Sie setzt das Leben von Amerikanern und die amerikanische Ehre ein, ohne jedoch eine klare Politik, einen bestimmten Plan oder auch nur erkennbare Besorgnis angesichts des Tages zu haben, an dem sich amerikanische und sowjetische Soldaten von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen werden.