Daun

In dem Eifelstädtchen Daun fand vor kurzem eine ungewöhnliche „Großkundgebung“ statt. Der Deutsche Naturschutzring und die Umweltschutzorganisation „Greenpeace“ fühlten sich unter dem Motto „Rettet die Schildkröten“ der rheinland-pfälzischen Provinz verpflichtet. Im Ort nämlich ist eine Brillenfabrik ansässig. Sie stellt auch Fassungen aus Schildpatt her, dem Panzer jener Tiere also, die wegen des grausamen Abschlachtens in Übersee vom Aussterben bedroht sind. Nun wären das rührige Engagement und der „machtvolle Protest“ der Schildkrötenfreunde gewiß ohne größeres Aufheben über die Bühne gegangen und der Öffentlichkeit verborgen geblieben, gäbe es nicht am Dauner Geschwister-Scholl-Gymnasium den beherzten Oberstudienrat Karl Heinz Berlingen.

Eines Morgens im September verteilte der Lehrer vor der Schule Flugblätter und Unterschriftenlisten, die sich für einen Einfuhrstopp von Schildkröten und ein Handelsverbot für alle aus den Tieren hergestellten Produkte einsetzten. Offensichtlich mit Erfolg. Denn die Politiker aller Parteien beschlossen mittlerweile in seltener Eintracht ein solches Verbot im Bundestag. Berlingen ließ sich aber dazu hinreißen, einige der Handzettel im Mathematikunterricht an seine Klasse weiterzureichen, nachdem er darauf angesprochen worden war. Das kam dem Brillenfabrikanten zu Ohren.

„Ausweislich einer beigefügten Vollmacht“ erhoben seine Rechtsanwälte „förmliche“ Dienstaufsichtsbeschwerde bei der Bezirksregierung Trier. Ihr war nicht nur zu entnehmen, daß „unsere Mandantin“ durch die „völlig unsachliche Kampagne“ geschädigt werde. Die Firma zeigte sich vielmehr darüber entrüstet, „daß ein Pädagoge im Schuldienst politische Aktivitäten im Rahmen seiner Lehrtätigkeit ausübt und sich dazu hergibt, einseitig Stimmungsmache zu betreiben“. Damit beim Dienstherrn Berlingens keinerlei Zweifel blieben, wie verwerflich das Verteilen solcher unausgewogener Flugblätter im Unterricht doch sei – es soll sich um zwei oder drei Exemplare gehandelt haben –, ließen die Anwälte den Regierungspräsidenten Gerhard Schwetje (CDU) auch wissen, daß der Oberstudienrat „Mitglied der SPD“ ist.

Noch keine Woche war die Beschwerde alt, da schickte die Behörde dem Pädagogen „auf dem Dienstweg“ die Einladung zu einem Gespräch „zur Klärung des Sachverhalts“ ins Haus. Der leitende Regierungsschuldirektor aus Trier, der eigens nach Daun reiste, hatte in seinen Akten Unterlagen, die Berlingen in Erstaunen versetzten. Er entdeckte eine Kandidatenbroschüre nebst anderen Materialien, die er im Landtagswahlkampf Anfang des Jahres benutzt hatte. Zum Einzug ins Mainzer Parlament reichte es für den SPD-Kandidaten nicht. Der Regierungspräsident belehrte nun den Oberstudienrat schriftlich darüber, daß er seine Aufgaben „unparteiisch und gerecht“ und, was „politische Betätigung“ angeht, mit „Mäßigung und Zurückhaltung“ zu erfüllen habe. Ihm kam ein Schreiben des Kultusministers zupaß, in dem dieser mit Blick auf einen möglichen „heißen Herbst“ auch in den Klassenzimmern Pädagogen vor „einseitiger politischer Beeinflussung“ der Schüler gewarnt hatte.

Dies schien ihm, nachdem der Lehrer die Probleme des Artenschutzes nicht sachlich und unparteiisch erörtert hatte, auch auf den Schildkrötenfall zuzutreffen, und folglich wurde der wesentlichste Absatz aus dem Brief des Ministers wörtlich zitiert. „Wenn ich trotzdem von der Einleitung eines Dienstordnungsverfahrens absehe“, meinte Schwetje schließlich, so deshalb, „weil Sie im wesentlichen die gegen Sie erhobenen Vorwürfe eingeräumt haben...“

Nun mußte sich aber auch Kultusminister Georg Gölter (CDU) mit der leidigen Schildkrötensache befassen, war doch die Kunde aus Daun mittlerweile bis zur SPD-Landtagsfraktion in Mainz vorgedrungen. Die wollte ihren Parteifreund nicht im Regen stehen lassen. So kam es, daß mit dem Namen Berlingens und in seinem Namen eine ganze Landtagsdebatte bestritten wurde.