Von Ulrich Schiller

Washington, im Januar

Die Mutter, der Bruder, und von irgendwo anders her auch der Vater des Fliegers Robert Goodman äußern sich voller Freude: "Es ist wunderbar, ganz großartig." Auf allen Wellen, auf allen Kanälen sind seit Dienstag früh die Ausbrüche der Erleichterung zu vernehmen. Die Mutter, eine gepflegte Erscheinung, offenbar der schwarzen Mittelklasse angehörend, fügte an einer Stelle auch hinzu: "Er hat es geschafft"; er groß geschrieben. Er, das ist Jesse Jackson, der Aktivist und Prediger, nicht nur des Wortes Gottes, sondern auch dies Leistungs- und Aufstiegsbewußtseins seiner schwarzen Brüder und Schwestern. Er, das ist Jesse Jackson, der Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Wieder und wieder erscheint das Bild auf den Fernsehschirmen: Jackson in Damaskus, neben sich den freigelassenen Robert Goodman, dessen Hand er ergreift und hochhebt zum Siegeszeichen.

In Washington wurde Ronald Reagan in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett getrommelt. Die Nachricht von der Entlassung des am 4. Dezember über syrischen Stellungen im Libanon abgeschossenen Marineleutnants Goodman aus der Gefangenschaft war wichtig genug, um den Präsidenten umgehend zu informieren. Hatte er nicht vor kurzem noch skeptisch vermerkt, die Privatinitiative Jacksons zur Heimholung Goodmans könne diplomatisch kontraproduktiv wirken? Hatte er seine kritischen Vorbehalte nicht auch durch Verweigerung eines Gesprächs mit Jackson vor dessen Abreise nach Damaskus unterstrichen? Die Vorgeschichte der Freilassung des Navigators und Bombenschützen ist es, die den Erfolg Jacksons gleichzeitig als eine Ohrfeige für die Regierung Reagan erscheinen läßt, auch wenn sich US-Botschafter Paganelli in Damaskus gewiß nach Kräften engagiert hat.

Ronald Reagan aber sagte am Dienstag: "Über Erfolge streitet man nicht. Es ist ein großer Tag, und ich könnte gar nicht glücklicher sein." Niemand bezweifelt das. Reagan kennt die Spielregeln, er kennt die Gebote der Fairneß. Auch er – und nicht nur Jesse Jackson im demokratischen Wahlkampf – könnte, wenn er es klug anstellt, politisches Kapital aus der humanitären Aktion des syrischen Präsidenten Assad schlagen. Die Syrer haben die Entlassung Goodmans nicht nur Jackson, sondern gleichzeitig dem Bemühen der amerikanischen Regierung zugeschrieben. Sie haben keine Gegenleistung verlangt, etwa die Einstellung amerikanischer Aufklärungsflüge, von deren Ergebnissen nach allgemeiner Überzeugung nicht nur die amerikanischen, sondern auch die israelischen Militärs zehren.

Ein syrisches Signal also? Zweifellos muß das in Washington so gesehen werden, zumal auch Jackson von einem gigantischen Schritt zum Frieden im Libanon spricht und eine Begegnung Assad-Reagan zu arrangieren empfiehlt. Das würde freilich einen Wandel im Denken der Reagan-Administration voraussetzen. Vor allem bei den Kräften, die Syrien und seine Interessen bislang nur aus der Perspektive israelischer Gegnerschaft oder in williger Abhängigkeit von der Sowjetunion sehen. Eine intelligente diplomatische Offensive Washingtons könnte die Dinge im Libanon jetzt vielleicht zum Besseren wenden, könnte Präsident Reagan einen Ausweg aus der immer drängender werdenden Entscheidungsnot weisen, wie und wann die 1800 Marine-Infanteristen aus ihrer prekären Lage im Libanon zurückzuholen wären.

Unter welchem Druck der Präsident in dieser Frage steht, veranschaulichte zwischen Weihnachten und Neujahr ein brisantes Ereignis eigener Art: Das Pentagon gab den Bericht der Untersuchungskommission über die Umstände und Folgen des Bombenanschlags auf das Hauptquartier der Marines in Beirut am 23. Oktober 1983 zur Veröffentlichung frei. Der Report schlug wie eine Bombe ein. Was die fünfköpfige Kommission zu berichten hatte, erregte die Öffentlichkeit, beunruhigte das Weiße Haus und provozierte rasche Reaktionen auf dem Capitol.