Der eine sieht „apokalyptische Reiter am Horizont“, die drohende atomare Katastrophe, die Geißel des Hungers. Der andere blickt auf ein „gutes Jahr für Amerika zurück“ und verkündet in ungebrochenem Geschichtsoptimismus: „In Grenada haben wir eine Nation befreit.“ Papst Johannes Paul II. und Präsident Reagan markieren zwei extreme Möglichkeiten von Neujahrsbotschaften, die auch zu diesem Jahreswechsel wieder in verschwenderischer Fülle auf die Menschheit herniederregneten.

Die Produktion in der Bundesrepublik, an Masse eindrucksvoll wie jedes Jahr, ist im Inhalt eine Nummer kleiner, aber im Muster ähnlich: auf der Linken Melancholie, auf der Rechten fast Euphorie. Die Zukunft, früher das Land der Hoffnung für Sozialisten, ist trübe geworden; Fortschritt, ehemals ein Schreckgespenst für Konservative, erstrahlt in neuem Glanz. Die Perspektiven haben gewechselt.

Von Kohl bis Dregger herrscht Optimismus à la Reagan, die „sausende Fahrt in den finanziellen Abgrund wurde gestoppt“ (Dregger), „wir haben (den Frieden) sicherer gemacht“, „wir sind auf dem richtigen Weg“ (Kohl).

Wer genauer hinhört, nimmt, vor allem in der Außenpolitik, allerdings auch nachdenklichere Töne wahr. Manches klingt wie beschwörende Warnung: „Die in diesem Lande aufgestellten amerikanischen Raketen werden nicht ein Instrument für eine Politik der Stärke und der Konfrontation“ (Genscher); keine Seite könne an wirtschaftlichen Krisen auf der anderen Seite interessiert sein (Genscher); jede Chance für eine vernünftige Zusammenarbeit zwischen Ost und West gelte es zu nutzen (Kohl). So ganz ist die Raketenentscheidung in der Bundesrepublik wohl doch noch nicht verdaut.

Ein Thema aber – Hans-Dietrich Genscher hatte da wohl wieder einmal die Nase am frühesten im Wind – dominiert die Botschaften aus dem Regierungslager: die Forderung nach technischer Innovation, nach „wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Höchstleistungen“ (Kohl). „Kulturpessimismus und Fortschrittsangst“, „lamentierende narzistische Selbstbespiegelung“ (Genscher) – weg damit! Mit privaten Elite-Universitäten und Risikokapital hinein in die dritte technische Revolution!

Ob der wirtschaftliche Aufschwung sich schon selber trägt, darüber mag man streiten, unzweifelhaft aber ist, daß da Genscher ein Thema gefunden hat, das von selber läuft. Da wollen oder müssen alle dabei sein, die den neuen Trend nicht verpassen möchten.

Reformeuphorie – diesmal von rechts? Nach den Erfahrungen mit früheren Unternehmen solcher Art darf man gespannt sein, wieviel aus der Sphäre der flinken Begriffe in die zähe Realität eindringt.