Eine Komödie ist es, die noch tragisch enden kann, diese Geschichte von den „Schnüffelflugzeugen“, mit der die französischen Medien das Feiertagsloch stopften. Es fragt sich nur, ob sie der Opposition, gegen die sie gerichtet war, so sehr schaden wird wie der Regierung – and sei es, daß ab Hauptleidtragender einer der erfolgreichsten staatlichen Betriebe die Zeche zahlen wird: die große Ölgesellschaft ELF-Erap, die sich nun vor der ganzen Welt lächerlich gemacht sieht.

Zunächst einmal wirkte alles wie ein Weihnachtsgeschenk für die Regierung. Es lenkte so schön ab von allem, was der Jahreswechsel an traurigen Signalen bereithielt: die neuentdeckte Misere der Autoindustrie, die noch schlimmer ins Tief zu rutschen droht als die hoffnungslosen Branchen Kohle und Stahl, dazu die pessimistischen Prognosen, nach denen Frankreich 1984 noch nicht einmal mit Null-Wachstum rechnen kann, während die Nachbarn schon den Silberstreif des Aufschwungs erblicken. Wenn die Opposition dann leicht von der „Unfähigkeit der Regierung“ reden kann, scheinen die „Schnüffelflugzeuge“ den Regierenden die Möglichkeit zu geben, ihren Vorgängern Dilettantismus nachzuweisen.

Aber dann schienen die Regierungsorgane zu dick aufzutragen. Zwar investierte die ELF-Erap zwischen 1976 und 1979 in die angebliche Erfindung und Entwicklung eines Verfahrens, Ölprospektion aus Flugzeugen heraus zu betreiben, sehr viel Geld. Nur gibt jede Ölgesellschaft viel Geld für vergebliche Prospektionen aus, und als der Ausdruck „Dienstvergehen“ fiel, trat Valéry Giscard d’Estaing voll heiligem Zorn an den Bildschirm und erklärte: „Nun langt’s!“

Inzwischen hat aber die Regierung wieder Punkte gesammelt: Der Bericht des staatlichen Rechnungshofs, der sich nur noch in den persönlichen Archiven von Giscard und seinem Premierminister Raymond Barre befand, der sein eigenes Exemplar jetzt an seinen Nachfolger Mauroy weitergab, war den Sozialisten beim Regierungswechsel 1981 bewußt vorenthalten worden, wie sie heute meinen. Mauroy präsentierte den Bericht, und jetzt ist vieles klarer, manches aber neu in Frage gestellt.

Das Verfahren des heute unauffindbaren belgischen Grafen Villegas, der mit angeblich neu erfundenen Meßgeräten Ölvorkommen durch ihre „Strahlungen“ beim Überfliegen orten wollte, entpuppte sich bald als wertlos. Ein renommierter Physiker, so wissen wir jetzt, kam in einer sorgfältigen Expertise zu dem Schluß, daß alles „Illusion oder Schwindel“ sei. Sicher ist auch, daß der Rechnungshof „zahlreiche Unregelmäßigkeiten im Verlauf der Operation“ feststellte; die Gesamtausgaben, „denen keinerlei positive Ergebnisse gegenüberstehen“, bezifferten die Prüfer auf 740 bis 790 Millionen Franc (rund eine viertel Milliarde Mark). Der Bericht hält für erwiesen, daß das Interesse hochgestellter Persönlichkeiten an der Geheimhaltung des Verfahrens die Techniker der Ölgesellschaft daran hinderte, ihre Bedenken zu äußern.

Die Franzosen fragen jetzt nach dem Geflecht internationaler Gesellschaften, die eigens für die Beziehungen zwischen dem belgischen Grafen und der französischen Ölfirma gegründet wurden und in einem renommierten Schweizer Bankhaus ihre Konten hatten. Man fragt auch, was die Juristischen Folgen“ sein mögen, die Mauroy noch androhte. Denn selbst wenn den „Erfindern“, die Mauroy nur in Anführungsstrichen so nennt, eine betrügerische Absicht nachgewiesen werden könnte, sind ihre Vergehen auf jeden Fall verjährt.

Ernst Weisenfeld (Paris)