Von Rolf Seelmann-Eggebert

Eigentlich sollte es eine Autobiographie werden. Aber als die ersten 15 000 Worte geschrieben waren, fragte ein junger Medienwissenschaftler bei Sir Hugh Greene an, ob er auf Unterstützung hoffen dürfe; er wolle die Biographie jenes Mannes schreiben, der von 1960 bis 1969 als Generaldirektor an der Spitze der BBC stand und bis heute als eine der erfolgreichsten, aber auch sehr kontroversen Figuren der britischen Rundfunkgeschichte gilt, wer den mittlerweile Zweiundsiebzigjährigen kennt, der ahnt, daß Sir Hugh in diesem Augenblick den Federhalter eher glücklich als zögernd aus der Hand legte. Denn Wochen und Monate zur Sicherung der eigenen Spuren in verstaubten Archiven zu verbringen, das kann für ihn nur eine Schreckensvorstellung gewesen sein. So entstand des Buch von

Richard Tracey: „A Variety of Lives, A Biography of Sir Hugh Greene“; The Bodley Head London 1983; 304 S., 15.00 £.

Unter den vielen Lebens- und Berufsphasen, die Tracey beschreibt, sind drei, in denen Greenes Karriere auf das engste mit Deutschland verbunden war. Insofern dürfte das Buch, dem Sir Hughs Bruder, der Schriftsteller Graham Greene, das freundliche Kompliment macht: „sehr lesenswert von Anfang bis Ende“, Interesse nicht nur jenseits, sondern auch diesseits des Kanals finden. Sir Hughs Beziehung zu Deutschland begann im Mai 1929, als seine Eltern beschlossen, ihn zwischen Abitur und Studienbeginn nach Marburg zu schicken, um deutsch zu lernen. Nach dem Studienabschluß in Oxford erhielt Hugh Carleton Greene 1934 die Chance, als zweiter Korrespondent des Daily Telegraph nach Berlin zu gehen. Was britische Korrespondenten damals berichteten, was die Redaktionen in London aus den Berichten machten, um Chamberlains „Appeasement“-Politik nicht zu stören, ist in dem Buch nur angerissen. Es reicht, beim Leser Betroffenheit auszulösen.

Während des Krieges leitete Greene den „Deutschen Dienst“ der BBC. Zum erstenmal in seinem Leben sind Führungsqualitäten gefragt. Das Team, das aus britischen Intellektuellen, aus Deutschen und Österreichern besteht, die in London Asyl gefunden haben, lernt den Scharfsinn, die Entscheidungsfreudigkeit, die Unabhängigkeit ihres Chefs schätzen. Von der Distanz, die er um sich verbreitet, sind viele überrascht. „Es ist tatsächlich wahr“, schreibt Tracey, „daß er im Leben niemanden gehabt zu haben scheint, mit dem er besonders eng verbunden war, mit der bemerkenswerten Ausnahme von Graham.“

Weil er Niederlagen der Alliierten nicht zu bemänteln versucht, gelten die Sendungen des Londoner Rundfunks in ungezählten deutschen Haushalten bald als einzig glaubwürdige Informationsquelle. Nur einmal bedient sich Sir Hugh der von im so erfolgreich bekämpften Methoden Goebbelscher Propaganda. „In Deutschland ist der Bürgerkrieg ausgebrochen“, meldet die BBC am Abend des 20. Juli 1944. Er habe damals, sagt Greene, Gruppen des deutschen Widerstands zum Aushalten ermutigen wollen.

Nach dem Krieg kehrt Greene 1946 als erster Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks nach Deutschland zurück. In seiner Antrittsrede in Hamburg hebt er hervor, „daß es eine der Aufgaben der kommenden Monate und Jahre sein wird, die Unabhängigkeit des Rundfunks ... von einzelnen politischen Parteien und einer künftigen Regierung zu wahren“. Er bemüht sich redlich, ein Gremium zu schaffen, das in großer Unabhängigkeit die Mitglieder des Verwaltungsrates beruft, der seinerseits die Exekutive kontrollieren soll. In Großbritannien ist dieses Gremium die Krone. Wodurch kann man in einem Land, das sich eine republikanische Verfassung geben will, die Krone ersetzen? Greene erfindet den sogenannten „Hauptausschuß“, dem unter anderem die drei Ministerpräsidenten der Länder der britischen Besatzungszone und der Hamburger Bürgermeister angehören. Damit ist der Parteieneinfluß vorprogrammiert. „Sie werden mit Ihren Ideen keinen Erfolg haben“, raunt der Hamburger Bürgermeister Max Brauer Greene zu, als er sich Ende 1948 vom NWDR verabschiedet.