Früher haben wir gesagt, Österreich hat einen Strukturnachteil, jetzt sagen wir das nicht mehr.“ Mit diesen Worten beschreibt der Wirtschaftsforscher Karl Aiginger, wie sehr sich in Österreich die Ansichten geändert haben. Früher blickte man mit einem gewissen Neid auf die Industriegiganten in manchen Nachbarländern. Seit ringsum die Wirtschaftkrise ausgebrochen ist, sieht manches anders aus. Die kleinen und mittleren Betriebe führen beim Gewinn und bei der Produktivität; bei ihnen werden mehr Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten als in den Großbetrieben – am tüchtigsten sind die Betriebe mit weniger als hundert Beschäftigten – und sie sind auch besser beim Export.

Rechnet man die vielen ganz kleinen Betriebe mit weniger als zwanzig Beschäftigten nicht mit, so haben zwei Drittel der österreichischen Betriebe weniger als tausend Beschäftigte; die meisten sind in der Größenklasse von zwanzig bis fünfhundert Beschäftigten zu finden. Über die Ursachen, weshalb es den mittleren Betrieben in Österreich so gut geht und ob das am Ende vielleicht sogar der wichtigste Grund ist, warum das Land wirtschaftlich noch recht gut dasteht, herrscht allerdings Unsicherheit.

Bei den Sozialisten mag man in den mittelständischen Betrieben nicht so recht die Kraftzellen des Landes sehen. Herbert Tümpel, Volkswirt beim Österreichischen Gewerkschaftsbund, vermutet hinter solchen Ideen ein gutes Maß an Ideologie. Sein Gegenstandpunkt: „Die großen Betriebe haben nur deshalb Probleme, weil viele von ihnen im Grundstoffbereich angesiedelt sind.“ Und der Grundstoffindustrie, so Tümpel, gehe es in allen Ländern schlecht.

Die relative Vollbeschäftigung (1983 gab es im Durchschnitt nur 4,6 Prozent Arbeitslose) ist für ihn ein Ergebnis der „optimalen Mischung“ zwischen Regierungspolitik („Der Preis dafür ist das Budgetdefizit“), Österreichs gerühmter Sozialpartnerschaft und dem Verhalten der Unternehmer. Ansonsten unterscheidet sich nach Tümpels Ansicht Österreichs Betriebsstruktur nicht so sehr von der in der Bundesrepublik Deutschland und könne deshalb auch nicht die Ursache für den günstigeren Wirtschaftsverlauf sein.

Bei den Konservativen hört man allerdings auch nicht nur Euphorisches über die kleinen Betriebe. Josef Taus, einer der wichtigen Wirtschaftsexperten der Österreichischen Volkspartei, selbst im Turnauer-Konzern – dem mit viertausend Beschäftigten größten privaten Konzern Österreichs – tätig, meint pessimistisch: „Die kleinen Betriebe stehen nur relativ gut da, weil die großen Industriebetriebe so schlecht sind. Österreich hat die Großindustrie für die Vollbeschäftigung geopfert.“

Die Wirtschaftsforscher präsentieren Zahlen, die diese These untermauern könnten: Bis 1980 hat Österreichs Industrie jeweils so verdient wie die Industrie in der Bundesrepublik. In den Jahren danach ging es aber mit den Gewinnen in Österreich bergab.

In der Tat wird in vielen Bereichen der Großindustrie der Erhaltung von Arbeitsplätzen unbedingte Priorität gegeben; betriebswirtschaftlich notwendige Einschränkungen der Produktion werden oft unterlassen. Dementsprechend schreiben die großen Industriebetriebe schlechte Zahlen. Das liegt wohl vor allem an den Eigentumsverhältnissen. Die meisten der großen Industriebetriebe sind entweder verstaatlicht oder gehören zum industriellen Besitz einer Bank, deren Kapitalmehrheit beim Staat liegt. Entlassungen und radikale Schnitte sind bei einem solchen Eigentümer kaum drin. Denn wenn die Kunden nicht zahlen wollen, bittet er die Steuerzahler zur Kasse.