Von Gotthold Rhode

Sammelwerke zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen sind seit den siebziger Jahren keine Seltenheit mehr. Allein über die Konferenzen der deutsch-polnischen Schulbuchkommission (1977 bis 1980) liegen vier Bände vor (drei davon auch in Polnisch), zwei weitere sind in Vorbereitung, und 1982 erschien unter den Auspizien des Deutschen Ordens das nur von polnischen Historikern verfaßte Sammelwerk: „Der Deutschordensstaat Preußen in der polnischen Geschichtsschreibung der Gegenwart“. Dieses Werk bedeutet dank der Sachlichkeit, mit der hier polnische Historiker Einzelprobleme der Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen behandeln, weit entfernt von der früheren Schwarzweißmalerei, geradezu einen Wendepunkt in der Entwicklung der deutsch-polnischen Historiographie.

Man muß also schon einiges bieten, um eine weitere aufwendige Veröffentlichung zu rechtfertigen, deren Ladenpreis sie für Studenten und Lehrer kaum erschwinglich macht. Die jetzt vorgelegte Anthologie rechtfertigt weder Aufwand noch den Preis:

Preußen-Deutschland-Polen im Urteil polnischer Historiker. Eine Anthologie. Band I – Millennium Germano-Polonicum. Herausgegeben von Lothar Dralle mit einem Vorwort von Klaus Zernack. Band 37 der Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; Colloquium Verlag, Berlin 1983; 193 S., 58,– DM

Die Idee, dem deutschen Leser Beiträge polnischer Historiker in Übersetzungen zu vermitteln und ihm so auch extreme Urteile und einseitige Auffassungen zugänglich zu machen, kann nur begrüßt werden. Will man sie aber angemessen verwirklichen, dann muß eine sorgfältige Auswahl getroffen werden, sowohl was die wissenschaftliche Relevanz der Autoren, als auch was Zeitpunkt und Art der Veröffentlichung betrifft.

Wenn man die Ausführungen der literatur- und kulturwissenschaftlichen Koryphäe Aleksander Brückner (1856-1939) (Polen und Deutschland, 1934), der beiden bedeutendsten polnischen Mediävisten der Gegenwart Gerard Labuda (geb. 1916) (Die Revision der Geschichte Preußens; wissenschaftliche Errungenschaften und Forschungsprobleme, 1971). und Benedykt Zientara (1926-1983) (Zum Problem des geschichtlichen Terminus: „Drang nach Osten“, 1974), deren Lektüre eine große Bereicherung für den deutschen Leser bildet, gleichrangig neben ein zu Recht vergessenes, mehr phantasievolles als wissenschaftlich bedeutendes Essay von Jan Karol Kochanowski (1868-1949) (Am Rhein und an der Weichsel – eine geschichtliche Antithese, 1913), oder gar neben die Polemik des nicht eben bedeutenden Adam Szelagowski (1873-1961) (Die Politik Preußens und das Anwachsen der Hegemonie Deutschlands in Mitteleuropa, 1915) stellt, dann sollte man das nicht ohne Erläuterungen und ohne Korrektur der haarsträubenden Fehler machen.

Szelagowskis Beitrag strotzt nämlich von Fehlern, die man nicht einmal einem Erstsemester durchgehen lassen kann: So, wenn er Gustav Adolf mit Karl X. Gustav von Schweden verwechselt, die 1894 beendete Ära Caprivi in eben diesem Jahr beginnen läßt, die völlig unsinnige Behauptung aufstellt, Wilhelm II. habe seinem Großvater Wilhelm I. den Titel „der Eroberer“ zugelegt und nicht einmal die eigene Geschichte kennt, denn den Januaraufstand läßt er schon 1861 statt 1863 ausbrechen. Man fragt sich, warum der Herausgeber all diese Fehler, die er doch bemerkt haben muß, stehen gelassen hat? Wollte er die Absurdität dieser Ausführungen demonstrieren? Dies kann man ihm vielleicht unterstellen bei dem 1945 zur Begründung der Inbesitznahme der deutschen Ostgebiete geschriebenen Aufsatz von Franciszek Bujak (1875-1953): „Allgemeiner Abriß der Geschichte der deutschen Siedlung in den Westgebieten Polens“. Bujak begnügt sich nämlich nicht mit der bekannten Slavengrenze des 10. Jahrhunderts, sondern läßt Slaven auch noch am Bodensee, am Eisack und am Lesch siedeln!