Hunderttausende machten sich im 19. Jahrhundert auf die Reise von der Alten in die Neue Welt. Es trieb sie die materielle und politische Not, es zog sie der Traum vom besseren Leben drüben. Was sie unterwegs auf der wochenlangen, meist stürmisch bewegten Überfahrt erlebten, haben viele der Auswanderer in Briefen und Tagebüchern festgehalten. Die meisten dieser Zeugnisse sind freilich verlorengegangen. Wir drucken Auszüge aus dem Tagebuch des Tischlers Heinrich Lüder, der im Jahre 1843 mit Frau und Kindern von Hildesheim aus aufbricht. Das Ziel der Reise ist St. Louis irrt Süden der USA.

Den 16. Oktober fuhren wir morgens 6 Uhr und kamen mittags 12 Uhr in Bremerhaven an, wo wir unser Schiff in Augenschein nahmen und uns unsere Schlafstelle angewiesen wurde, welche sich im Zwischendeck, der Reihe nach je 5 zu 5 Personen befanden; mich aber das Schiff nicht recht gefiel. Wir logierten uns im Gasthof Baltimore ein, wo wir schlechte Behandlung aber teure Bezahlung hatten, denn ich mußte allein für 2 Betten 1 Rtlr. Schlafgeld bezahlen die Nacht.

Den 18. nachmittags 4 1/2 Uhr fuhren wir bis an die Mündung des Hafens und fuhren den 19. morgens 7 Uhr mit ziemlich guten Wind in die Weser. Weil aber der Wind sich nachmittags 2 Uhr ganz verlor, mußten wir uns vor Anker legen. Um 5 Uhr fing der Wind aus Westen an zu stürmen, wo meine Doris und die Allersen die ersten waren, die die Seekrankheit kriegten, und wir die ganze Nacht vor Anker bleiben mußten. Die meisten Passagiere, welche aus 137 Personen bestanden und in einem Räume von 600 Quadratfuß ihre Schlafstellen und ihre notwendigsten Sachen bei sich haben mußten, ebenfalls krank wurden.

Den 20. lagen wir mittags 12 Uhr noch auf derselben Stelle, wo auch meine Liene, die Güntern und Friedrich Strübing auch krank wurden, und die Ekligkeit und der üble Geruch brachte uns anderen auch bald dahin, aber bis jetzt sind wir anderen auch noch ziemlich gesund.

Weil der Sturm noch stärker wurde, mußten wir nachmittags und die Nacht auf derselben Stelle liegen bleiben, und die Krankheit wurde noch schlimmer. Am 21. erhielten wir keinen Kaffee und lichteten um 9 Uhr die Anker und kamen mittags 12 Uhr in die Nordsee. Dieses läßt sich aber nicht gut schreiben, wie uns da zumute war, denn die meisten Passagiere, über 100 an der Zahl, lagen und mußten sich erbrechen, welches das starke Schaukeln des Schiffes mit sich brachte, und nur ich, meine Frau, Carl Allers, Wilhelm Himeke und Christian Strübing allein übrigblieben, die die Seekrankheit nicht gehabt haben.

Den 24. hielt der Sturm immer noch an, wir am Abend nicht mehr von der Stelle konnten und sich der Kapitän entschloß, wieder umzukehren und in den Hafen einzulaufen, welches denn auch geschah, weil unser Schiff Schaden erhalten hatte und die Wasserpumpen gänzlich unbrauchbar geworden waren; und der Untergang des Schiffes nahe war, weil wir in einen Wirbel geraten waren. Den 23. morgens 3 Uhr legte sich der Wind und wir konnten den ganzen Tag nicht aus der Stelle. Nachmittags kam ein Hamburger Lotse und am anderen Morgen den 26. ein Bremer Lotse, wo wir noch den ganzen Tag stille lagen und den 27. vor die Mündung der Weser fuhren. Wir wurden ständig von Schiffen begleitet, die den Untergang unseres Schiffes vermutet hatten. Wir kamen den 28. ziemlich gesund wieder in Bremerhaven an. Am 29. wurde am Schiff gearbeitet.

Meine Frau wurde immer schlechter, ich sah, daß es die Brustkrankheit war und nahm einen Doktor. Den 4. November kamen wir wieder auf das Schiff, wo ich meiner kranken Frau Medizin mitnehmen mußte, und fuhren abends 6 Uhr aus dem Hafen und hatten guten Wind bis den 6., wo wir wieder auf die Nordsee kamen und es wieder zu stürmen anfing und die meisten wieder krank wurden. Nachmittags hatten wir den stärksten Sturm und beinahe ein Orkan war bis den 7., wo sich der Wind legte. Den 8. war ein heller Tag bei mildem Winde, wir aber nicht mitfahren konnten, weil der Wind uns entgegen war. Nachmittags und des Nachts hatten wir wieder Sturm bis den 9. morgens 9 Uhr, wo sich der Wind wieder legte und wir eine ruhige Nacht hatten. Bei meiner Frau hatte sich die Krankheit zwar etwas gelegt, aber sie ist noch sehr schwach und es fehlen ihr stärkende Speisen.