Sinfonisch

"Die Nacht und ihr Preis" von Richard Claus und Gerd Weiß (Montagekonzeption: Adolf Winkelmann). – Es geht um kleine Geschehnisse während einer langen Nacht, gefunden und nachinszeniert in einer Großstadt irgendwo im Ruhrgebiet. Das Alltägliche passiert neben dem Schäbigen, das Banale neben dem Berührenden: Ein Mann lädt eine Frau zur Porschefahrt, zu Sekt und Bier und schickt sie, als sie ihm nicht ins Hotelzimmer folgt, mit der Straßenbahn nach Hause. Zwei Prostituierte führen ihren Kunden ins Bett und feilschen noch, während sie schon ihre Arbeit tun, um einen höheren Preis. Ein Kirmesarbeiter lernt beim Auto-Scooting ein Mädchen kennen, schläft mit ihr und überläßt sie danach seinen Kollegen. Ein Gefängnisinsasse, es ist seine letzte Nacht in der Haft, erzählt von seinen sexuellen Wünschen und Phantasien und von seinen Erfahrungen, wie er diese Wünsche und Phantasien in der Zelle ausgelebt hat. Und ein alter Mann, der kaum noch laufen kann, trägt die ganze Nacht über – bedächtig und voller Würde – Zeitungen aus. Der Film verarbeitet das Vorgefundene zu Impressionen. Er splittert das Geschehen in kleine Teile auf und setzt diese, dem Rhythmus der Musik folgend, neu zusammen. Die Atmosphäre, die so entsteht, dominiert. Alles Sichtbare wird eingebunden. Alles fügt sich zu einer Sinfonie aus Dingen, aus Menschen und ihren Bewegungen, ihren Gesten, ihren Worten. Gegenüber "Toute une Nuit" von Chantal Akkerman und "Geschichte der Nacht" von Clemens Klopfenstein, die große, meisterliche Filmvariationen über die Nacht sind, wirkt "Die Nacht und ihr Preis" wie ein kleiner Versuch, das Gewöhnliche als Außergewöhnliches zu präsentieren – als Exotisches, das zu reizvollen Klängen sich fügt. Licht fällt ins Dunkle; aber es erhellt nichts.

Norbert Grob

Empfehlenswerte Filme

"Die flambierte Frau" von Robert Van Akeren. "Zelig" von Woody Allen. "Fanny und Alexander" von Ingmar Bergman. "Das Geld" von Robert Bresson. "Local Hero" von Bill Forsyth. "Eine Saison in Hakkari" von Erden Kiral (siehe Seite 32). "Sans Soleil" von Chris Marker. "Koyaanisquatsi" von Godfrey Reggio. "Pauline am Strand" von Eric Rohmer, "Carmen" und "Zärtliche Stunden" von Carlos Saura. "Under Fire" von Roger Spottiswoode. "System ohne Schatten" von Rudolf Thome.