Sind die Deutschen Nationalisten, Neutralisten, Pazifisten?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Man kann es verstehen, wenn unsere Nachbarn sich vor dem Aufbruch der deutschen Seele fürchten: Zwischen zwei und drei Millionen Deutsche strömten im vergangenen Herbst auf den Straßen der Bundesrepublik zusammen oder versammelten sich zu Tausenden in den Städten, um für Frieden zu demonstrieren. Die Demonstranten haben Angst vor immer mehr Waffen, vor neuen atomaren Raketen, Angst auch vor dem Sterben der Wälder, der Verstümmelung der Natur, der Verstädterung des Lebens.

Ist nicht gerade dies typisch für die Zeiten des Umbruchs, so muß man sich fragen? Hatte nicht Karl Kraus am Beginn dieses Jahrhunderts geschrieben: "Ich lebe in den Untergang / und wohne in bedrohten Räumen"? Und drückt dies nicht genau das Lebensgefühl der heutigen jungen Menschen aus? Träumen nicht auch sie, wie damals die Generation der Jugendbewegung, vom Ungebundensein, vom Ausbrechen aus der Zivilisation und aus einem vordergründigen Leben ohne Verheißung? Wäre es vielen von ihnen nicht am liebsten, alles abzuschütteln, auch die Technik, auch die Wissenschaft? Sind nicht auch sie gegen Materialismus, schnöden Kommerz, Spießertum und Konvention? Die Vokabeln von damals und heute gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Damals, zur Jahrhundertwende, gab es nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa jene lustvolle Untergangsstimmung, die wohl als Erbstück der antiaufklärerischen Romantik anzusehen ist. Nur die Jugendbewegung, die gab es allein in Deutschland. Alles, was mit Weltanschauung zu tun hat, wird eben in Deutschland immer besonders intensiv erlebt.

Und nun wieder ein Aufbruch? Der wievielte? Hatte nicht Heine schon zwei Generationen vor jener Jugendbewegung die Franzosen gewarnt vor den Deutschen, die nur vorübergehend durch das Kreuz als zähmenden Talisman gebändigt worden seien: Jener Talisman ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht. Wenn ihr dann das Gepolter und Geklirre hört, hütet Euch, Ihr Nachbarskinder, Ihr Franzosen, und mischt Euch nicht in die Geschäfte, die wir zu Hause in Deutschland vollbringen. Es könnte Euch schlecht bekommen."

Man kann es also verstehen, wenn unsere europäischen Nachbarn meinen, sie seien wieder einmal Zeugen eines jener periodischen Anfälle ziellosen deutschen Aufbruchs. Aber sie haben unrecht. Die Parallele stimmt ganz und gar nicht. Unsere Gesellschaft ist so normal und stabil wie wenig andere. Es gibt keine radikalen Parteien, keine Streiks, keine sozialen Gruppen, die an der Armutsgrenze leben wie in anderen reichen Ländern.

Im übrigen soll es auch anderwärts Aufbrüche geben, mindestens behauptet Ronald Reagan dies. Er sagte vor kurzem: "Es gibt in der Welt eine Revolution für Freiheit und demokratische Ideale." Den Vereinigten Staaten sei, so meint er, dieser Kampf durchaus willkommen, weil die Leute genug hätten "von dem Versuch, Schwerter in Pflugscharen zu verwandeln". Was der Präsident im Zusammenhang damit über die "wahre Botschaft unserer Zeit" sagte, hat wohl mit Grenada zu tun und dem Jubel, den dieses Ereignis auslöste. Verglichen mit solch spätwilhelminischem Hurra-Patriotismus jenseits des Ozeans kommt einem unser Aufbruch zu geschichtlicher Reflexion und moralischer Besinnung direkt sympathisch vor, jedenfalls rational begründbar.