Von Bettina Schöne-Seifert

Das Schicksal eines am 11. Oktober 1983 im Staat New York mit schwersten Mißbildungen geborenen Kindes war kürzlich Gegenstand eines Urteils des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten. Das Gericht lehnte es ab, eine Operation anzuordnen, die den zu erwartenden Tod des Kindes hätte hinauszögern können.

Der Fall des Jane Doe“ genannten Babys – der Deckname soll die Identität des Kindes und seiner Eltern schützen – ist in den USA zu einem Politikum geworden. Die Eltern des neurologisch schwer geschädigten Kindes entschieden sich gegen einen operativen Eingriff (Deckung des offenen Rückenmarks, in der Fachsprache „spina bifida“ genannt). Der Eingriff würde zwar die Lebenserwartung des Kindes von zwei auf bis zu zwanzig Jahren heraufsetzen, aber nichts daran ändern können, daß es von der Hüfte abwärts gelähmt und geistig hochgradig retardiert bleiben würde. Anhänger der Bewegung „Recht auf Leben“ gingen daraufhin vor Gericht, um den Eltern das Sorgerecht entziehen und eine Operation anordnen zu lassen.

Plakate im Wartezimmer

In zwei Instanzen wurde den Eltern ihre Entscheidungsvollmacht in diesem Falle bestätigt; das Oberste Gericht gab ihnen jetzt ebenfalls recht. In der Berufungsinstanz anhängig ist nun noch eine Klage des amerikanischen Justizministeriums, mit der das behandelnde Krankenhaus gezwungen werden soll, für eine Überprüfung des Falles die Akten herauszugeben.

Die Debatte über die ethischen und rechtlichen Aspekte der passiven Sterbehilfe bei Neugeborenen hatte sich schon an jenem ersten „Baby Doe“ entzündet, das 1982 in Indiana zur Welt kam – mit einem Down Syndrom („Mongolismus“) und einer zusätzlichen Mißbildung der Speiseröhre. Diese sogenannte Ösophagusatresie kann chirurgisch korrigiert werden, führt aber unbehandelt in wenigen Tagen zum Tode. Die Eltern entschieden damals ebenfalls gegen eine Operation, sie bekamen in zwei gegen sie angestrengten Prozessen das Entscheidungsrecht zugesprochen. Ihr Baby starb nach sechs Tagen, kurz bevor sich der Supreme Court, das oberste Gericht, des Falles hätte annehmen sollen. Zum ersten Mal in der angloamerikanischen Rechtsgeschichte hatte damit ein Gericht Eltern zugestanden, auf Grund der voraussichtlichen Lebensqualität – in diesem Fall der geistigen Behinderung – ihres Kindes eine medizinische Behandlung abzulehnen und damit passive Sterbehilfe zuzulassen.

Präsident Reagan ließ daraufhin seinen Gesundheitsminister Krankenhäusern die Nichtbehandlung potentiell lebensfähiger, aber behinderter Kinder untersagen. Im vergangenen Frühjahr erließ das Gesundheitsministerium die „Baby-Doe-Anordnungen“, nach denen alle 5800 staatlich subventionierten Kliniken große Plakate in Wartezimmern und Stationsfluren anbringen mußten: „Diskriminierung behinderter Kinder durch Vorenthalten von Nahrung oder medizinischer Behandlung ist in dieser Institution gesetzlich verboten.“ Rechtsgrundlage sei das Gesetz gegen die Diskriminierung Behinderter, vor zehn Jahren verabschiedet – ursprünglich, um deren Recht auf Fahrstuhlrampen, Zeichensprachdolmetscher und ähnliches zu verbriefen.