Von Jürgen Dauth

Als der sagenumwobene Sang Nila Utama, ein Prinz vom königlichen Geschlecht der Sri Vidschaja auf Sumatra und Java, vor rund 700 Jahren an der Mündung des heutigen Singapur River anlegte, ahnte er noch nichts von jener Stadt, die einmal die führende Wirtschaftsmacht Südostasiens werden würde. Die Insel hieß damals noch Tumasik, die „im Meer gelegene“. Ihre undurchdringlichen Mangrovensümpfe boten den Seeräubern idealen Unterschlupf.

Am 6. Februar 1819 segelte der Agent der britischen Ostindien-Gesellschaft, Sir Thomas Stamford Raffles, durch die Straße von Singapur. Er erkannte sofort die strategische Lage der Insel als Handelshafen im Schnittpunkt der wichtigsten Seehandelsrouten zwischen dem Fernen Osten und der westlichen Hemisphäre. Singapur wurde dem englischen Kolonialreich einverleibt und Raffles schrieb in sein Tagebuch: „Dieser Hafen wird endlich das holländische Handelsmonopol (in Hinterindien) brechen. Unsere Absichten liegen nicht in der territorialen Expansion, sondern im Handel... Unsere Einrichtungen werden den Reichtum des Landes mehren.“

Sir Thomas war zweifellos ein arroganter Mann. Doch die Selbstzufriedenheit, die seine Bronzestatue vor dem Uhrturm auf dem Empress-Platz ausstrahlt, ist berechtigt. Rund 25 Jahre nach dem Einholen der britischen Flagge haben sich seine Prophezeiungen erfüllt. Singapurs Wohlstand rangiert nach Japan auf dem zweiten Platz unter den asiatischen Nationen. Zweieinhalb Millionen Singapurer können sich als die gelehrigen Schüler des britischen Merkantilismus betrachten. „Es ist schließlich kein Verbrechen, Geld machen zu wollen“, meint Vize-Premier Goh Keng Swee.

Die Mangrovensümpfe sind heute trockengelegt. Auf der knapp 600 Quadratkilometer großen Insel entstand eine futuristische Stadt, deren Wohn- und Geschäftszentren hoch in den Himmel hinaufragen. Die chinesischen Kulis, die während der englischen Kolonialzeit eingewandert waren, sind heute Wissenschaftler, Manager und Industriearbeiter, vor allem aber Geschäftsleute. Lee Kuan Yew, Singapurs Premierminister, beschrieb seine Landsleute einmal als „Krämerseelen, denen das Gespür für geistige und kulturelle Werte fehlt“.

Doch gerade dieser Handelseifer der chinesischen Einwanderer lockt alljährlich mehr Touristen ins Land als die Inselrepublik Einwohner hat. Denn mit Sehenswürdigkeiten kann Singapur wenig Reklame machen. Sie sind – wie die Stadt selber – Produkte aus der Retorte. Nein, die Anziehungskraft geht von mehr als drei Dutzend Einkaufszentren aus und ihren rund 5000 Ladengeschäften, die weltweite Handelsbeziehungen unterhalten. Die Zahl der kleineren Läden in Downtown Singapur geht in die Zehntausende. Auch wenn man vor Superlativen zurückschreckt, kommt man nicht um die Tatsache herum, daß Singapur das größte Kaufhaus Asiens ist. Singapur hat längst die britische Kronkolonie Hongkong in den Schatten gestellt, die am Vorabend ihrer Rückgabe an die Volksrepublik China zunehmend an Glanz verliert.

Mit einigem Suchen, so heißt es in einem Buch über den Stadtstaat, kann man hier einen Orang-Utan kaufen, einen tropischen Stockfisch, der auf dem Rücken schwimmt, oder Streichhölzer, die niemals abbrennen. Aber vielleicht sind es nicht die getrockneten Seepferdchen gegen die asiatische Grippe oder in süßen Wein eingelegte Mäuseembryos gegen die schwindende Manneskraft, die über zweieinhalb Millionen Auslandstouristen jährlich anlocken. Auch der „billige Jakob“, der mit seinem Dreirad durch Chinatown oder Linie India zieht und vom automatischen Eierschäler über die handbetriebene Knopfannähmaschine bis zum Entmagnetisierer von Erdstrahlen alle nur denkbaren Haushaltswunder feilbietet, treibt wohl kaum die Belegungsquote in den mehr als 25 000 Hotelzimmern hoch. Es ist vielmehr das üppige Angebot an Exklusivem aus Ost und West, das selbst zugeknöpfte Geldsäcke zur Verschwendungssucht verführt.