„Vorspiegelung wahrer Tatsachen“, von Niklaus Meienberg. Schreibverbot vom Verleger einer großen Schweizer Zeitung erhalten zu haben, das zeichnet Niklaus Meienberg vor allen Journalisten des Landes aus: Ein knapper Kommentar zu Giscard d’Estaings „guillotine electorale“, ein Bericht vom Motorradrennen, triefend von der (oft einzigen) Lust kleiner Leute an Karrenschmiere und Präzision, Lärm und tumber Raserei, mitfühlend, und die Geburtstagsadresse an den Fürsten von Liechtenstein, dessen gesammelte Peinlichkeiten aus einem Interview mit Golo Mann wiederkäuend (die mußten einem aufstoßen) – das hatte genügt, Meienberg zum Teufel zu jagen. (Dummerweise war des Verlegers Schwester, vor Erscheinen des Artikels, gelegentlich am Hof von Liechtenstein zum Tee geladen.) Diese und andere Arbeiten aus etwa zehn Jahren liegen nun in Buchform vor – damit sie auch außerhalb der Schweiz gelesen werden. Böse und nachtragend, immer Partei der sozial Schwächeren ergreifend, klagt Meienberg die Selbstzufriedenheit seiner Landsleute an. Er brüllt, rotzfrech und katholisch, kränkend und oft gekränkt, aber immer präzise, poltert – und flüstert liebevoll zärtlich. Meienberg spätestens hat sie aufgehoben, die typisch deutschsprachige und künstliche Trennung von Literatur und Journalismus. (Limmat Verlag, Zürich, 1983; 240 S., 29,-DM.)

Christoph Neidhart

„Leopoldstag“, Roman von Ingeborg G. Pluhar. Der Roman spielt in Wien, der Stadt der Kulissen. Eine recht gewöhnliche Geschichte: eine in der Werbebranche tätige Frau, die mit ihrem Freund eine Wohnung teilt, bricht zusammen, als ein anderer Mann auftaucht. Die neue Liebe ist unglücklich; auf sich zurückgeworfen gibt die Frau Freund, Beruf und Bekanntenkreis, mehr oder minder freiwillig auf. Die Zeit der Krise – auch ein Initiationsritus zum Erwachsenwerden – läßt sie am Ende wieder zu sich finden, natürlich als andere. Ingeborg Pluhar stellt sich und ihre Hauptfigur als von besonders sensiblen Wahrnehmungen geplagte Personen vor. Virtuos beschreibt sie beiläufige Beobachtungen, die verschwinden, je mehr die Erzählung sich auf die Hauptfigur konzentriert. Erlebnisse werden skandalträchtig. Das Besondere wird betont und bekommt gerade dadurch keine eigene Geschichte. Unter der Lust zu großer Ansprüche bricht dieser erste Roman zusammen. (Verlag Christian Brandstätter, Wien, 1983; 156 S., 19,80 DM.)

Brigitte Landes

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Gerhart Hauptmann – Ludwig von Hofmann – Briefwechsel 1894-1944.“ Der Dichter Gerhart Hauptmann war schon früh eine Berühmtheit. Ludwig von Hofmann war Maler und Graphiker und als Professor an großen Kunstschulen tätig, ein dem Jugendstil verbundener Künstler und angesehener Lehrer. Er ist fast nur noch Fachleuten bekannt. Die Freundschaft der beiden war eng und verband auch die Angehörigen der Männer. Der erste Brief kommt 1894 von Hauptmann aus Connecticut und enthält den Satz: „Gehen Sie niemals nach Amerika...“ Die letzten Briefe tauschen die Freunde kurz vor ihrem Tode, und der Dichter schreibt in diesen Jahren einmal von ihrer täglichen stummen Zwiesprache. An Weite der gemeinsamen Interessen und an menschlicher Wärme dürfte dieser Briefwechsel zu den bedeutenden seiner Art gehören. Die aktuellen Bezüge auf die Zeit und das Familiäre, das Alltägliche und das Allgemein-Menschliche halten sich die Waage. Man wird des Lesens nicht müde. Dazu trägt der Glücksfall bei, daß eine feinfühlige Herausgeberin nach jedem Brief Hinweise gibt, die das Persönliche, Zeitbedingte, Werk- und Weltgeschichtliche erläutern, und zwar präzis, mit Sinn für die Grenze zwischen dem Nötigen und dem Überflüssigen. Die Herausgeberin hat auch eine aufschlußreiche Einleitung geliefert, um den verhältnismäßig wenig bekannten Künstler vorzustellen. Ein Buch nicht nur für die Hauptmann-Forschung, ein Buch für jeden literarisch Interessierten. (Herausgegeben von Herta Hesse-Frielinghaus; Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn, 1983; 264 S., 8 Bildtafeln, 75,– DM.)

Hans Kasdorff