Von Wolfgang Röhl

Hamburg

Sie hat das Urteil – vier Monate Gefängnis – noch einmal zur Bewährung ausgesetzt. Ganz wohl ist ihr dabei nicht. Immerhin steht der Angeklagte schon zum viertenmal wegen Trunkenheit am Steuer vor Gericht. Sie fixiert den jungen Mann, sagt langsam, wie beschwörend: „Das nächste Mal verschwinden Sie für mindestens ein Jahr im Bau. Kapiert?“ Er nickt eingeschüchtert. Sie zeigt auf die Ohren: „Also – nicht hier rein und da raus. Beim nächsten Mal ist der Ofen aus!“

Sie kann sich ziemlich deutlich ausdrücken, die Amtsrichterin Stefanie Haese. Ihr Arbeitsplatz bringt das so mit sich. Das Amtsgericht Hamburg-Altona, ein düsterer, bröckelnder Backsteinbau, liegt im Einzugsbereich von Sanierungsgebieten, wo sich sozial Schwache, Ausländer, sogenannte Randständige konzentrieren.

Kleine Betrügereien, Diebstahl und Körperverletzung – oft unter Alkoholeinfluß – sind gängige Delikte in diesem heruntergekommenen Stadtteil. In Altona schlägt die Wirtschaftskrise durch: Menschen, die am unteren Ende der sozialen Skala stehen, rutschen jetzt immer öfter über die Schwelle zur Kriminalität. Immer mehr Arbeitslose – langjährig Erwerbslose zumal – kommen mit dem Gesetz in Konflikt. Für die Amtsrichterin Haese gibt es in Altona viel zu tun.

Sie ist erst 30 Jahre alt. Eine zierliche, attraktive Frau mit kurzen blonden Haaren, einzige Tochter eines Hafenarbeiters, der sich zum leitenden Angestellten hochgeboxt hat. Auch sie hat eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Examen nach nur sieben Semestern Studium, nach dem Referendariat ein Jahr Praxis in einer Kanzlei, Staatsdienst. Eigentlich wollte sie Sonderschul-Pädagogin werden, scheiterte aber am Numerus clausus. „Seit Beginn des Studiums kam für mich nur Richterin infrage“, sagt sie, „da kann man noch ausgleichend wirken.“ Rechts- und Staatsanwälte vertreten für ihren Geschmack „zu einseitige Interessen“. Sie muß es wissen: Mit einem Anwalt ist sie seit 10 Jahren verheiratet.

Sie hat eine halbe Straf- und eine halbe Zivilabteilung. Zwei Prozesse – beide mit politischem Hintergrund – haben sie bundesweit bekannt gemacht. Da war einmal der Fall des linken Lehrers Peter de Lorent, der seine Vorgesetzten in einem Buch beleidigt haben sollte. Frau Haese sprach ihn nach acht Verhandlungstagen frei. Das Urteil „hielt“ auch in der Revision. Und dann war da der Fall des Polizisten Dieter Lücke, der einen Schüler erschossen hatte. Ein Schöffengericht unter dem Vorsitz von Stefanie Haese verurteilte den Todesschützen zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung. Der Spruch, der weit über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinausging, machte Schlagzeilen. Der Angeklagte und die Nebenkläger haben dagegen Berufung eingelegt. Seither will Frau Haese über den spektakulären Prozeß nicht mehr sprechen. „Die Lücke-Sache hat mich unheimlich Kraft gekostet“, sagt sie, „ich kam kaum noch zu der normalen Arbeit.“