ARD, Sonntag, 8. Januar, 22.30 Uhr: "Deutsche", Bischof Albrecht Schönherr im Gespräch mit Günter Gaus

Nun also: Wir haben ihn wieder – den ehedem "berühmtesten Hinterkopf der Nation". Eben Günter Gaus, vierunddreißigmal, von 1963 bis 1966 im ZDF "Zur Person" fragend. Das waren damals... Oder ist das Wort von den "Sternstunden" des deutschen Fernsehens etwa doch zu hoch gegriffen? Spielt einem da die Erinnerung an die ach so besseren, schöneren Fernsenzeiten nur wieder den üblichen Streich?

Es war schon so: Günter Gaus, der Hannah Arendt ausfragte oder Golo Mann, machte damals Fernsehgeschichte, ein Stück wenigstens von ihr. Fragte er, hörte man, sah man zu. Und manche Antworten, die er – bohrend, höflich-bestimmt nachfassend – hervorlockte aus seinen Partnern von gegenüber, waren dann Zitate für spätere Zeiten. Darum wurden seine Unterhaltungen zur Institution, machten in Buchform Auflage.

Nun ist er also wieder da, diesmal auf dem anderen, dem ersten Kanal, nach immerhin achtzehn Jahren "Pause": Günter Gaus wieder von hinten, wieder mit leicht geneigtem Kopf und dem scharfen "st", wieder mit Stil und dem spröden Charme des nicht-naseweisen, nicht-besserwisserischen Fragestellers. Wieder eine Institution (vermutlich), für erst einmal zehn Folgen, wieder Keine Inquisition (gewiß) in der Machart eines sich gelegentlich aufspielenden Interview-Journalismus, wo der Frager wichtiger ist als der Befragte.

Der erste "Deutsche" – so der neue Titel, der im Gegensatz zum Vorläufer Beschränkungen in der Partnerwahl auferlegt (gibt es womöglich so viele interessante Deutsche?) – ist Albrecht Schönherr, Bischof im Ruhestand in der DDR. Das ist, im Nachklang zum Lutherjahr, nun wirklich ein Deutscher wie er im Buche steht: das schwierige Leben eines Deutschen in einem schwierigen Deutschland. Im Dritten Reich als Schüler Dietrich Bonhoeffers, des der Diktatur widerstehenden Protestanten; im Reich des Kommunismus als Wortführer einer evangelischen Kirche, die sich behauptet, auch weil Schönherr sich selber zu behaupten verstand.

Man verliere die Angst vor dem Atheismus, sagt der pensionierte Bischof an einer Stelle des Gesprächs, man nehme ihn nicht mehr todernst, weil "alle Gott dienen müssen, auch wenn sie es nicht wissen". Damit, so Schönherr weiter, meinte er in diesem Staat leben zu können. Darum blieb er dort, darum gehe es auch mit der Kirche dort nicht zu Ende. Protestanten drüben sagen: Der Kirche geht es am besten, wenn es ihr nicht gutgeht.

Ein guter Auftakt, ein gelungener Start: Gaus mit Schönherr. Auch nebenbeieine notwendige "Wiedergutmachung". Denn in seinem Erinnerungsbuch über seine Erfahrungen und Einsichten als Bonns Vertreter in Ost-Berlin kommt die Kirche als "Nische" der DDR-Gesellschaft nicht vor. Dietrich Strothmann