In der Stahlkrise muß der Konzern Riesenverluste der amerikanischen Tochter verkraften

Von Heinz-Günter Kemmer

D. er Musterschüler ist zum Prügelknaben geworden. Dieter Spethmann, vom schon legendären Thyssen-Vorstandsvorsitzenden Hans-Günther Sohl zum Nachfolger erkoren und nunmehr im elften Jahr an der Spitze des größten deutschen Stahlkonzerns, muß die schmerzliche Erfahrung machen, daß die Kritik an. ihm mit den Verlusten wächst.

Und rote Zahlen schreiben die Thyssen-Buchhalter derzeit in ungewohnter Größenordnung, wenn auch wohl nicht jene Milliarde erreicht wird, von der im Ruhrgebiet mit einiger Schadenfreude gesprochen wird. Die Schadenfreude hat ihre Gründe. Denn die erfolgverwöhnten Thyssen-Manager wußten es immer besser und zeigten ihren Konkurrenten stets, was eine Harke ist. Und unvergessen ist an der Ruhr, daß sich Spethmann lange – zu lange, wie manche meinen – gegen Subventionen auch für die deutsche Stahlindustrie gewehrt hat.

Nun erlitt der Konzern allein im Stahlgeschäft Verluste von mindestens 400 Millionen Mark. Damit kann sich der Thyssen-Chef freilich durchaus noch sehen lassen, denn das spiegelt nur die Misere eines ganzen Industriezweiges wider, der von der eigenen Regierung im europäischen Subventionswettbewerb benachteiligt worden ist. Was Thyssen und Spethmann aber zusätzlich drückt, ist ein Malheur, das man sich selbst zuzuschreiben hat: Die im April 1978 für gut 600 Millionen Mark gekaufte US-Firma The Budd Company wird – wie 1981/82 – einen Verlust von rund 350 Millionen Mark einfahren.

Dabei hatten Spethmann und seine Vorstandskollegen gehofft, Budd werde den Konzern in der Stahlkrise stützen. Nun ist das Gegenteil der Fall, nun sieht sich Thyssen gezwungen, zum erstenmal seit 1956 keine Dividende zu zahlen. Zwar mußten sich die Aktionäre schon im letzten Jahr mit nur vier Prozent zufriedengeben, die völlige Abstinenz zeigt dennoch einen deutlichen Wandel in der Einschätzung des Vorstandes.

Als er die magere Dividende für 1981/82 zu rechtfertigen suchte, hatte Konzernchef Dieter Spethmann noch gesagt: „Man pflegt seine Geldgeber, auch wenn sie nur Aktionäre sind.“ Jetzt erklärt er kühl, jeder müsse „sehen wie er sich finanziert“. Kapitalmarktpflege sei zwar wichtig, diesmal habe jedoch die Konsolidierung Vorrang. Offensichtlich sind die Zeiten so schlecht, daß Thyssen auf die rund 52 Millionen Mark, die eine Dividende von vier Prozent kosten würde, nicht verzichten kann.