Arbeitszelt: Die Tarifpartner verrennen sich im Kampf um Grundsätze

Von Michael Jungblut

Nach einem monatelangen verbalen Trommelfeuer wird es jetzt ernst: Bis Ende Februar müssen sich Arbeitgeber und Gewerkschaften am Verhandlungstisch über die künftige Gestaltung der Arbeitszeit einigen. Dann endet in der Metallindustrie die Friedenspflicht. Die Gewerkschaften werden danach die Auseinandersetzung mit dem groben Knüppel führen müssen: mit den Mitteln des Arbeitskampfes. Dann droht eine Eskalation, deren Folgen sich kaum abschätzen lassen.

Einigen Funktionären ist bei dem Gedanken daran vielleicht nicht mehr ganz wohl. Doch jetzt sind sie Opfer ihrer eigenen radikalen Rhetorik. Wer erst die Suche nach einem Ausweg aus der alle bedrückenden Beschäftigungskrise zu einer „Machtfrage“ zwischen den bösen und den guten Kräften dieser Gesellschaft stilisiert, bald darauf erklärt, es gäbe keine Alternative zur 35-Stunden-Woche, und schließlich eine Massenorganisation monatelang auf die ganz große Kraftprobe vorbereitet, kann den Kurs schließlich auch dann kaum noch ändern, wenn er erkennt, wohin dies führt.

Opfer des eigenen Starrsinns sind aber auch die Arbeitgeber der Metallindustrie. Hätten sie früher Gegenvorschläge entwickelt, statt sich an ihren Tabu-Katalog zu klammern, so hätten sich die Gewerkschaften vielleicht nicht so einseitig festgelegt. Jetzt finden sich beide Seiten in jener „total verrammelten Position“, vor der sie der ehemalige IG Metall-Chef Eugen Loderer in seinen letzten Amtstagen eindringlich gewarnt hat. Die Gewerkschaften haben die 35-Stunden-Woche zu einer Prestigefrage gemacht; Gesamtmetall als eherne Speerspitze aller deutschen Arbeitgeberverbände will dagegen in diesem Punkt keinen Fußbreit Boden preisgeben. Bei Lohnverhandlungen gibt es zwischen Forderung und Angebot immer einen Spielraum für Kompromisse. Diesmal fehlt er völlig. Es geht ums Prinzip: Bleibt die 40-Stunden-Woche die Regelarbeitszeit oder nicht?

Voreilige Zahlenspielchen?

Vielleicht gelingt es ja noch, diesen sehr deutschen Streit um das Grundsätzliche gerade noch rechtzeitig in einen fruchtbaren Dialog zu verwandeln. Wenn nicht, droht uns ein sozialer Konflikt, wie ihn die Bundesrepublik seit über einem Vierteljahrhundert nicht mehr erlebt hat. Damals, als die IG Metall 1957 mit einem sechzehn Wochen währenden Streik die Lohnfortzahlung für erkrankte Arbeitnehmer erkämpfte, stand am Ende ein wirklicher sozialer Fortschritt, von dem heute Millionen Menschen profitieren. Diesmal müßte ein „Arbeitskampf von vielleicht unvorstellbarer Härte“, wie ihn die IG Metall androht, Folgen haben, unter denen Millionen Menschen noch nach Jahren leiden würden. Die IG Metall meist die 35-Stunden-Woche als Patentrezept zur Überwindung der Arbeitslosigkeit an. Mit Hilfe von Bleistift und Papier läßt sich auch leicht vorrechnen, daß eine Verkürzung der Arbeitswoche um fünf Stunden theoretisch Beschäftigungsmöglichkeiten für mehr als zwei Millionen Menschen schafft. In der Tat wären wohl viele Unternehmen gezwungen, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen, wenn sie ihre Leistung aufrechterhalten wollen. Doch vernachlässigt jede derartige Rechnung völlig die organisatorischen Probleme und die Kurzfristigen und langfristigen Folgewirkungen. Und darauf kommt es an, nicht auf theoretische Zahlenspielchen.