Der böhmische Bauernbub schaffte nicht einmal die Prüfung zum Gymnasiallehrer: Seine Kenntnisse in Biologie waren ungenügend. Als Privatgelehrter tat er sich nicht gerade hervor: Er veröffentlichte nur zwei wissenschaftliche Arbeiten, die Zeit seines Lebens zudem völlig unbeachtet blieben. Die Fachwelt nahm ihn, falls überhaupt, nur von oben herab zur Kenntnis: Ein Erbsenzähler, der im Garten des Augustinerklosters zu Brünn dilettierte.

Heute, hundert Jahre nach dem Tod des Erbsenzählers am 6. Januar 1884, ist von den damaligen Koryphäen nur noch im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Dilettanten die Rede. Denn wie kein anderer Revolutionär der modernen Naturwissenschaften ist die Leistung Gregor Mendels von seinen Zeitgenossen völlig verkannt worden.

Der 1822 geborene Augustinermönch und spätere Abt war nicht nur seiner Zeit voraus. Er konnte sich auch, wie der Mendel-Biograph Ingo Krumbiegel schreibt, "beinahe keinen schlechteren Zeitpunkt für seine Entdeckung" ausgesucht haben: 1865, als er die Ergebnisse seiner Züchtungsversuche mit Erbsen dem "Naturforschenden Verein" zu Brünn vortrug, sprach er von der Unveränderlichkeit erblicher Eigenschaften, während sich alle Welt über die Veränderlichkeit der Lebewesen aufregte, die Charles Darwin wenige Jahre zuvor in seiner Evolutionstheorie beschrieben hatte.

Mendels Pech – aber nicht sein Fehler – war es, ein Geheimnis der Vererbung mit simpel anmutenden Versuchen und sorgfältiger statistischer Auswertung gelöst zu haben. Acht Jahre lang, von 1856 bis 1864, führte er mit 22 sorgsam ausgewählten Erbsensorten Kreuzungsversuche durch, wobei er auf insgesamt sieben leicht erkennbare Merkmalspaare achtete – etwa auf runde oder kantige Samen, Hoch- oder Niederwuchs. Er nahm 335 künstliche Befruchtungen an den Pflanzen vor und zog in dem ihm zustehenden Klostergarten etwa 13 000 Erbsenpflanzen.

Anders als seine wissenschaftlichen Vorgänger beachtete Mendel zwei entscheidende Details: Er notierte die ausgewählten pflanzlichen Merkmale nicht nur über eine, sondern über mehrere Generationen hinweg und – das vor allem – schlüsselte die Resultate prozentual auf. Dabei stieß er auf eine auffällige Merkmalsverteilung: So wiesen drei Viertel der Nachkommen in der zweiten Generation jeweils ein "dominantes", ein Viertel aber ein "rezessives" Merkmal auf.

Der still vor sich hinarbeitende Gelehrte konnte sich die strengen Merkmalsaufteilungen bei späteren Generationen nur so erklären: Die von ihm beobachteten Merkmale mußten durch jeweils zwei frei kombinierbare Erbelemente bestimmt sein, wobei sich eines dominant verhält und das rezessive überdecken kann. Mendels Elemente heißen seit der Wiederentdeckung seiner Pionierarbeit um die Jahrhundertwende – Gene.

Heute ist die Genetik längst eine Schlüsseldisziplin der Biologie. Spät haben sich die österreichischen Naturwissenschaftler entschlossen, den k.u.k-Forscher nun mit einer Gedächtnisausstellung in ihrer Rest-Republik zu ehren. In der Bundesrepublik wurde Gregor Mendel schon im Sommer letzten Jahres mit höchstem Pomp geehrt: Seine Büste steht nun neben 121 anderen "rühmlich ausgezeichneten Teutschen" in der Walhalla bei Regensburg.

Günter Haaf