Von Sibylle Zehle

Seine Augen suchen einen Punkt, an dem sie sich halten können. Sie irren über die Gesichter der Gruppe, bleiben irgendwo hängen, rutschen hilflos ab. Nichts hält sie, alles ist unruhig; bedrohlich. Seine Augen werden starr vor Angst.

„Mensch“, sagt einer aus der Gruppe, „wat iss mit dir? – Du guckst wie ’ne Kuh am Sonntag.“

Die Sozialarbeiterin schaut Dieter* schon eine Weile an. Sein junges Gesicht glänzt vor Schweiß. Die Lippen sind weiß. Seine Hände fassen ins Leere. Leise fragt sie: „Sind die Stimmen wieder da?“ und, ohne auf die Antwort zu warten: „Du mußt ins Krankenhaus.“

Dieter kommt direkt von der Frühschicht. Acht Stunden ohne Alkohol. Er hält es nicht aus, hat er zuletzt geglaubt. Die Orgeln in den Ohren. Die Menschen mit den Gewehren. Gestern schon waren sie hinter Barbara und den Kindern her. Saßen sogar auf dem Autorücksitz. Und immer diese Angst.

Schweigend schaut die Gruppe zu, wie Dieter mit den fremdbestimmten Bewegungen einer Marionette die Jacke zuknöpft, seinen Klappstuhl zusammenlegt, ihn an die Wand lehnt, mit der Sozialarbeiterin den Raum verläßt. Einer fängt an zu kichern: „Wetten, daß der nächste Woche nich’ mehr weiß, was heute war?“ – Dieter ist im Entzugsdelirium.

Dann ist die Gruppe unter sich. Zwanzig Männer, eine Frau. Rundum Menschen, denen man ansieht, daß sie ihr schlechtes Leben gelebt haben. Verwitterte Gesichter; verwüstete Haut. Aber die Augen hell. Die Sprache lebendig. „Mit dem Dieter, dat war doch klar“, beginnt einer zu dozieren, „mal kurz in der Gruppe Hallo sagen, auf die Schnelle zum Entgiften und dann wieder fleißig Bierchen beim Fernsehen. Nee, so geht dat nich’, dat muß ja schiefgehen.“ Die Gruppe schweigt. – „Geh deinen Heiligenschein putzen“, meint schließlich einer bedächtig, „hast du denn gleich gewußt, daß du abhängig bist?“ – „Nu, lassen doch reden, unsern Trockenbaron“, mischt sich ein anderer ein, „is’ doch noch jung in der Bewegung.“