/ Von Gabriele Venzky

Taipeh, im Dezember

Kaohsiung ist die größte Industriestadt Taiwans und der fünftgrößte Containerhafen der Welt. Viel Geld wird hier verdient, Arbeit ist die Hauptattraktion der aus dem Boden gestampften 1,3-Millionen-Metropole im Südwesten Formosas. An jedem Wochenende setzt sich halb Kaohsiung in Richtung "President" in Bewegung, auf kleinen Motorrädern, die jeweils mindestens vier aufgeputzte Familienmitglieder transportieren. Denn im "President" ist was los. Es gut als das beste Warenhaus des Landes, mit der größten und raffiniertesten Auswahl, samt Vergnügungspark auf dem Dach, den besonders der Nachwuchs schätzt.

Besonderer Beliebtheit bei den Kaufhauskunden erfreut sich ein großer Kasten, auf dem die Flaggen der Welt angebracht sind – fast alle. Drückt man auf eine Flagge, so springt sie auf, und es erscheinen der Name des entsprechenden Landes, seine Hauptstadt und das bekannteste Wahrzeichen. Bei Deutschland sind es Bonn und Bier, bei Frankreich natürlich Paris und der Eiffelturm, bei der Schweiz Bern und das Rote Kreuz, und bei China entfaltet sich in aller Pracht die große Chinesische Mauer. Doch Moment – hatten wir nicht auf die rote Flagge Taiwans mit Sonne und Stern im blauen Feld gedruckt Tatsächlich: Die Flagge des "anderen" China taucht gar nicht erst auf.

Die für Ausländer etwas atemberaubende Zusammenstellung Taiwan – Große Mauer ist symptomatisch für dieses Land: Den umstehenden Chinesen kommt sie überhaupt nicht seltsam vor. Schließlich, so wird es ihnen Tag für Tag eingebleut, repräsentiert die kleine Republik China – so groß wie Baden-Württemberg – das "wahre" China allein, da es frei, demokratisch und fortschrittlich sei. "Rette dein Land" singen sie in ihrer Nationalhymne, geschrieben, von Sun Yat-sen, dem Gründer der chinesischen Republik, der 1911 der letzten großen chinesischen Dynastie, den Ching, den Garaus machte: "... ein Herz, ein Gedanke, ein einziges Ziel!"

Inzwischen haben die chinesischen Nationalisten den wahnwitzigen Plan aufgegeben, von ihrer Insel aus das chinesische Festland zurückzuerobern. Doch die Wiedervereinigung bleibt oberstes Ziel. Bei Politikern und Bürokraten gibt es nicht den geringsten Zweifel, daß dies "in absehbarer Zukunft" geschehen werde, und zwar nach den Spielregeln Taiwans. Premierminister Sun Yun-suan, dem gute Chancen nachgesagt werden, die Nachfolge des alten und kranken Präsidenten Tschiang Tsching-kuo anzutreten, zitiert in einem Gespräch mit der ZEIT ein altes chinesisches Sprichwort: "Ein Land ist zum Untergang verurteilt, wenn es von seinem Volk im Stich gelassen wird. Es kann nur gedeihen, wenn das Volk es stützt." Und er fügt hinzu: "Die Flucht so vieler roter Piloten und anderer Leute ist der Beweis dafür, daß die Chinesen auf dem Festland das kommunistische System abgelehnt haben. Die Erfolge der Republik China haben nicht nur die Welt aufmerksam gemacht, sondern auch unsere Landsleute auf dem Festland in ihrer Entschlossenheit bestärkt, für die Freiheit zu kämpfen."

Den Umstand, daß den 18 Millionen auf Taiwan 1000 Millionen auf dem Festland gegenüberstehen, tut der Premier als "unerheblich ab: "Wir dürfen aber mit dem bisher Erreichten nicht zufrieden sein. Wir müssen immer größere Fortschritte machen, um als leuchtendes Beispiel, als das wahre Modell für ein freies China dazustehen." Sun ist davon überzeugt, daß es "schon bald" zur Revolte in China kommt. Denn "die vielen Auslandschinesen, die jetzt ihre alte Heimat besuchen, sorgen schon dafür, daß sich herumspricht, welchen Lebensstandard wir hier haben und welche Freiheiten".