Der Koitus zweier nackter Menschen auf einem Bett, ganz normal, keine Mätzchen, keine Perversitäten, keine Kameratricks, geradezu naturalistisch abkonterfeit, dauert im Kino zwanzig Sekunden oder auch dreißig.

In Graham Greenes Roman „Der Honorarkonsul“, der dem Film als Vorlage dient, wird diese Intimszene in zwei Sätzen beschrieben: „Als er sich zu ihr legte, dachte er erleichtert: das ist das Ende meiner Besessenheit; und als sie aufschrie, dachte er: jetzt bin ich wieder ein freier Mann.“

Dafür wird im Roman viel mehr geredet, vorher und hinterher. Ein Problem des Regisseurs, der eine Geschichte von Graham Greene verfilmen will: Obwohl es da an action, sex und whisky wahrhaftig genug gibt, werden Handlungen doch kaum jemals ausführlich beschrieben, es wird viel mehr darüber geredet und nachgedacht. Graham Greene: „Mich interessieren die Individuen und ihre Ideen, oder vielmehr die Entwicklung von ihnen ... Am Ende des Buches sind sie alle andere Menschen geworden.“ Noch eine Schwierigkeit: ein Film kann in neunzig Minuten solche Entwicklungen nicht wirklich zeigen.

Am Ende des Films „Der Honorarkonsul“ sind sie doch alle die gleichen geblieben, so sehr die Umstände ihres Lebens sich verändert haben: Dr. Plarr, ein junger englischer Arzt, den persönliche Gründe in das argentinische Provinzstädtchen Corrientes verschlagen haben, am Flusse Paraná, wo die Grenze zu Paraguay verläuft, ist als Liebhaber (zum Beispiel in der oben erwähnten Szene) sehr viel eindrucksvoller als als Revolutionär wider Willen; das glaubte die Regie wohl Hollywoods derzeit erfolgreichstem Nachfolger eines Clark Gable oder Rudolf Valentino schuldig zu sein: Richard Gere, „ein Mann für gewisse Stunden“. Er spielt den Titelhelden Charley Fortnum, den „Honorarkonsul“, ein wenig an die Wand, obwohl oder gerade weil der Schauspieler Michael Caine („Todesfalle“) zwar genausoviel Whisky trinkt wie Greenes Honorarkonsul, aber statt wie ein vom Tode gezeichneter alter Mann doch von Anfang bis Ende eher wie ein noch durchaus zu schönen Hoffnungen berechtigender, wenn auch oft betrunkener Fünfzigjähriger wirkt. Schließlich Dr. Plans Bettpartnerin und Fortnums Ehefrau und von ihrem sechzehnten Lebensjahr an eine Spielpuppe für Männer: Sie wird im Film zur dritten Hauptfigur emporgehoben; aber die mexikanische Schauspielerin Elpidia Carillo ist viel zu schön und hat mit Greenes Indianerin nur das Muttermal auf der Stirn gemeinsam an der Stelle, wo Inderinnen ihr Kastenzeichen tragen.

Also hat Graham Greene recht, wenn er seiner Interviewerin Marie-Françoise Allain („Gespräche“, erschienen im Zsolnay Verlag) anvertraut: „In Wirklichkeit lassen sich aus meinen Büchern keine guten Filme machen“? Ich glaube, er hat nicht recht. Was immer Greene selber von der Verfilmung des Romans halten mag, den er „mein Lieblingsbuch“ genannt hat und „dasjenige, das mir am wenigstens Verdruß bereitet“: Drehbuchautor Christopher Hampton („Geschichten aus Hollywood“) und Regisseur John Mackenzie haben das ihnen Mögliche getan, um einen unterhaltsamen Film mit ein bißchen Scherz und viel tieferer Bedeutung daraus zu machen. Sie haben bei Greene nur angedeutete Handlungen voll ausspielen lassen (wobei mir nur die Szenen, in denen die Milizia brutal spielt, mißlungen scheinen); sie haben an den Monologen und Dialogen drastisch kürzen müssen und daher eine geschwätzige Hauptfigur, den erfolglosen argentinischen Schriftsteller Doktor Saavedra, völlig eliminiert; und sie haben aus der Not, den Film, noch zu Zeiten der Militärjunta, statt in Argentinien in Mexiko drehen zu müssen, eine Tugend gemacht: Er spielt nun in einem Greene-Land (Greene selber liebt dieses dennoch treffende Wortspiel wenig), das deutlich lateinamerikanische Züge trägt, aber er wirkt nicht so eng auf Argentinien bezogen, daß er durch die jüngsten Ereignisse dort als überholt oder gar als die neue argentinische Demokratie verletzend erscheinen könnte.

Dem Kenner und Verehrer, für den Graham Greene längst den nobelsten Preis nobelster Zeitliteratur innehat, mögen bei den Beischlafaktionen (der geschilderten folgt noch eine zweite) Worte des Meisters in Erinnerung kommen: „Die Position, die jemand im Bett einnimmt, offenbart noch nicht seinen Charakter.“ Oder: „Die Art, wie einer seine Teetasse hält, ist unter Umständen aufschlußreicher als wie er den Liebesakt vollzieht.“

Aber, je nun... Ganz sinnlos sind diese beiden Szenen auch im Zusammenhang des Films nicht, Wer Greenes Roman kennt, bei dem es mehr um Freiheit und Terror als um Liebe geht, wird sich durch diese Filmversion nicht unnötig verstört fühlen. Und wer den Film gesehen hat, wird vielleicht den Roman lesen wollen. Das wäre gut.

Rudolf Walter Leonhardt