Von Petra Kipphoff

Renata Adler wurde 1938 als Tochter deutscher Emigranten in Mailand geboren. Ihre Eltern gingen nach Amerika, als sie noch ein kleines Kind war, aber weil sie und ihre Brüder ein akzentfreies Amerikanisch lernen sollten, wurde sie mit sieben Jahren in ein Internat gesteckt. Mit elf kam sie in die Familie zurück, verstört, nervös und ängstlich. Ihre Eltern schickten sie dann nach Bryn Mawr, eines der renommiertesten Mädchen-Colleges in New England, und obwohl sie auch hier, von allgegenwärtiger Angst und Sehnsucht nach der Familie überwältigt, den akademischen Alltag nur unter Qualen durchstand, wurde sie danach in Harvard, Yale und Columbia für das Jura-Studium zugelassen – um schließlich in Harvard Philosophie zu studieren.

Renata Adler, die dann für die New York Times, den New Yorker und die New York Times Book Review ganz unversteckt kritische und uneitel glänzende Rezensionen und Reportagen schrieb, die mit vierzig Jahren noch ihr juristisches Staatsexamen nachholte, die aber immer noch in Panik gerät angesichts eines Mikrophons, und die kaum jemanden über ihre Türschwelle läßt, sie hat vor ein paar Wochen einen Roman veröffentlicht, der in den New Yorker Buchgeschäften auf den Borden gleich neben dem Eingang steht (Seite an Seite mit der Schnulze über Barbara Huttons Millionärskinderleben, die wegen grober Fehler gerade vom Markt zurückgezogen werden mußte). Der Zeitschrift New York waren diese seltsame Autorin (die noch heute den dicken, blonden Kopf ihrer Kindertage trägt) und ihr neues Buch eine Titelgeschichte Wert.

„Pitchdark“, stockdunkel, ist der zweite Roman von Renata Adler, deren schmale schriftliche Produktion sich umgekehrt proportional verhält zu ihrem Ansehen. „Pitchdark“ ist die in Ich-Form erzählte Geschichte einer jungen Frau, die sich am 35. Hochzeitstag, seinem Hochzeitstag, von dem Mann zu trennen versucht, mit dem sie mal mehr und meist weniger zusammenlebt. Die Geschichte hat eine konkrete Handlung – die Flucht von Kate nach Irland, ihre Verwicklung in einen Unfall, ihre Rückkehr – und ist dabei doch seltsam entrückt und ungreifbar. Denn sie wird im ständigen Wechsel verschiedener Stimmen und Zeiten erzählt, sie geht voran und zurück, wird fallengelassen, repetiert, ausgelöscht und immer wieder zusammengehalten durch den zarten Refrain des Dialogs mit dem fernen Mann. „Welche Stimme ist dies? Meine nicht! Meine nicht! Res ipsa loquitur“, heißt es auf der letzten Seite dieser Geschichte, für die das Wort Roman zu schwer scheint, die leicht und fragmentarisch und bestimmt vor sich hinwächst wie Eisblumen am Winterfenster.

Kunst ist Mode, Mode ist Kunst

Vom Aufbruch ins Experiment bis zu seiner Eingemeindung in den alltäglichen Chic ist es nur einen Häuserblock weit, ein Stadtviertel, eine Saison. Als vor rund zehn Jahren die Künstler nach Downtown New York zogen und sich in Soho (so genannt, weil es „south of Houston Street“ liegt) in den alten Lagerhäusern und verlassenen Fabriken ihre Lofts einrichteten, da war das eine teils ziemlich verwahrloste und teils durch den Kleinhandel lebendige Gegend. Nach den Künstlern kamen die Galeristen, aber immer noch war alles einigermaßen in Ordnung, solange auf der einen Seite vom West-Broadway O. K. Harris die Avantgarde zeigte und auf der anderen Seite Holly Solomon ihre bunte Gemischtwarenhandlung in Sachen Kunst betrieb.

Aber dann eröffnete Leo Castelli, der Herr der New Yorker Galeristen, neben seiner Uptown-Galerie auch hier eine Dependance, und in das von ihm, seiner Ex-Gemahlin Ileana Sonnabend und John Weber elegant hergerichtete Galerienhaus 420 West Broadway zog ein Hauch von Fifth Avenue ein. Und inzwischen blühen in Soho die Boutiquen, die teuren Restaurants, die Healthfood-Stores, und Mary Boone, das neue Covergirl der Galeristen, sitzt mit zwei Mitarbeitern an einem schwarzen, glänzenden Kompaktschreibtisch, alle telephonieren gleichzeitig, mit gedämpfter Stimme natürlich – Börsenstimmung hier hinten, vorne in der Galerie hängt alles, was fashionable und teuer ist. Inzwischen hat Leo Castelli seine Uptown Galerie geschlossen, dafür eine zweite in Soho aufgemacht. Dafür hat Holly Solomon sich einen dezenten Herrenschnitt zugelegt, trägt Kostüm und residiert nun an der Fifth Avenue, Tiffany und Bergdorf Goodman sind nebenan und gegenüber.