Alfred Edmund Brehm lieferte das Jahrhundert-Sachbuch, Morgenstern gab mit Mondschaf und Flügelflagel die poetische Version, Brembs eine skurrile Variante in Text und Bildern, Dougal Dixon die Fiktion aus der Sicht eines Paläobiologen, und nun endlich haben wir das Nonsens-Standard-Werk –

Friedrich C. Heller und Walter Schmögner: „Konrad Vogels Neues Tierleben fürs deutsche Heim“; Insel taschenbuch 698, Insel Verlag, Frankfurt; 192 S., 12,– DM.

Die Herausgeber nennen es ein „Hausbuch“, welches die „unaufhaltsam fortschreitenden Erkenntnisse volksgerecht darstellt es ist akribisch im Text, vorzüglich in der Illustration, frech, schnurrig und unglaublich amüsant. Der Leser lernt Geigenfliege und Nikotinaria kennen, Seewürstchen, Schwammfisch und den weißen Olm. Ihm wird detailliert die Minigatta beschrieben, die sich bequem im Damen-Handtäschchen transportieren läßt, der Pafnuz (in die Klasse der Nesseltiere gehörend), Gehörschnecke, Tintentod, Jahresfliege und Knirscheule. In diesem lehrreichen Bestimmungsbuch und Tier-Lexikon wundersamster Arten kommen das kolumbianische Eisenschwein, die gemeine Strandwanze, die Geisterschrecke und das Tränenaas vor, jenes unsagbar traurige Geschöpf, dermaßen häßlich, daß andere Säugetiere ihm stets aus dem Wege gehen, ein Wesen, dessen kummervolle Existenz sogar kalte Wissenschaftler rühren kann. Mit liebevoller Präzision zeigen die Autoren uns den falschen Ohrwurm oder das Tropenhuhn, zweiunddreißig groteske Schöpfungen: vom deutschen Familienhund bis zum Polsterwurm.

Das kleine Werk ist ausgestattet mit sechs Vorworten, einer Vita des Konrad Vogel, fiktiver Herausgeber dieses Blödelbändchens, Autoren- und Sachregister, die von Coldeagh bis Zurmann, von Acanthiidae bis Zwergfisch reichen. Wir finden so bedeutende Publikationen wie Nettelbohms „Studien über Sucht und Aggressionstrieb im Bereich der Gnitzen und Kolumbatscher Mücken“ aus dem Jahre 1962 neben Zurmann „Die gefährlichsten Schmarotzer Deutschlands. Zugleich ein Beitrag zur Situation in Europa.“ (1892 erschienen).

Was soll der hinreißende Blödsinn? Zunächst ist das Taschenbüchlein Jux. Ergötzlich und gescheit Eine einfallsreiche Posse über Publikationen, die so witz- und wertlos wie aufgeblasen in der Diktion sind, wichtigtuerisch und bedeutungsschwer. Wie heißt es im Vorwort zur achten Auflage: „So möge dieses Buch, das die Weltgeltung deutscher Wissenschaft erneut belegt, hinausgehen in die Häuser und Herzen aller Deutschen .. Zackig volksdeutsch: Dr. Klaus Schmitt, am 24. März 1936.

Dem Leser gibt Vogels Tierleben einen vortrefflichen Überblick seltsamer Schöpfungen, auch Kenntnis von den schädlichsten Schmetterlingen Deutschlands für Forstmänner, Lehrer, Ökonomen, Gartenbesitzer, Pastoren, Fabrikanten und Tierliebhaber im allgemeinen. Wirklich: ein Volksbuch. Ganz nebenbei liefern Schmögner und Heller, ohne Geifern, ohne Schärfe, ein Plädoyer gegen wissenschaftlich getarnte Barbarei, die ganz ohne Forschungswert bleibt und den Namen „Tierversuch“ erhalten hat. Sie zitieren umständlich-sinnlose Versuchsreihen, grotesk-scheußliche Manipulationen an der Minigatta, die auf acht Millimeter geschrumpft ist, oder weisen auf das Tropenhuhn hin, das sich „vorzüglich für Intelligenztests eignet, da es eine erstaunliche Anti-Intelligenz aufweist.“

Das kleine Brevier glossiert beschränkte Denkart und kleinhirnige Wissenschaftsanbetung.

Schmögner und Heller haben ein liebenswertboshaftes Bändchen zusammengebracht, das Witz, Frechheit, bizarr-schöne Graphik zu einem phantastischen Lügen-Lexikon vereint, das der Tradition des besten englischen Nonsens verpflichtet ist. U. B.