Von Ester Knorr-Anders

Sturmböen fegen über den weiten Platz vor dem mächtigen, dunklen Renaissance-Bau. Plakatständer krachen um. Leuchtreklamen flackern. Es gießt in Strömen. Kein Lebewesen ist unterwegs, Nur ich. Und ich warte. Jetzt ist es soweit. Neunundzwanzig den Volutengiebel des einstigen „Hochzeitshauses“ zierende Glocken beginnen zu scheppern. Schrillen in Gassen und Straßen hinein. Das Geschrille gleitet über in eine entnervende Melodie. Die Klappen der Kunstuhr schieben sich aus der Mauer. Eine wüste Gasse wird sichtbar. Langsam folgt der Zug der Ratten und der Zug der Kinder dem Fänger. Sie ziehen vorüber. Verschwinden. Kein weiterer Laut dringt aus dem ungeheuerlichen Haus, um das der Wind tobt. Friedrich-Wilhelm Sertürner wirkte in ihm. Er entdeckte das Morphium. Kein Wunder.

Ratten gab es in dieser von der Weser und der Hamel umzingelten Stadt schon immer. Da sie jahrhundertelang vom Kornhandel lebte, befanden sich Mühlen und Getreidelager an den Ufern ihrer Flüsse. Durch mangelnde Hygiene wurde dies „Paradies der Ratten“ für die Nager noch anziehender. Als unfriedliche Maßnahme mußten die bräunlich-grauen Sippen folglich jenen Beschluß der Stadtväter von 1805 werten, mit welchem den Bürgern verboten wurde, die Nachtgeschirre auf die Straße zu entleeren.

Von da an ging es mit dem Rattenparadies bergab. Mühlen- und Silobesitzer stellten die Arbeit ein. Vor 13 Jahren wurde der letzte „Stadtbauernhof“ stillgelegt. Die Ratten gaben Hameln auf. Zwar wird hier und dort noch eine gesehen. Huscht am Ufer entlang, wem über die Weserbrücke. Verstörte Angehörige einer ehemals stadtbeherrschenden Kamarilla. –

Auch Rattenfänger gab es in Hameln schon immer. Fahrende Gesellen, Quacksalber, Wundermänner, die versprachen, die Bürger von der Nagetierplage zu befreien. Jener aber, der im Jahre 1284 „am Dage Johanni et Petri“, also am 26. Juni, zum Wesertor hereintrat, hatte sich nicht als Rattenfänger ausgegeben. Er bezwang die Kinderherzen mittels Anmut und Musik. „Ein Jüngling, schön und überaus wohl gekleidet, so daß alle, die ihn sahen, ihn ob seiner Gestalt anstaunten. Er hatte eine silberne Pfeife von seltsamer Art... Und alle Kinder, die jene Pfeife hörten, fast 130 an der Zahl, folgten ihm“, heißt es in der 1936 von dem Hamelner Forscher Heinrich Spanuth entdeckten „Lüneburger Handschrift“. Er fand sie zehn Minuten vor Schließung der Ratsbibliothek. Der Archivar wollte ihn gerade hinauskomplimentieren. Die etwa um 1430/50 gefertigte „Lüheburger Handschrift“ ist eine gekürzte Abschrift der 1370 verfaßten „Catena aurea“ des Mindener Mönches Heinrich von Herford. Auf den letzten Blättern enthält sie später hinzugefügte Notizen. Um diese geht es. Der „Auszug der Hämelschen Kinder“ wird durch Augenzeugen-Aussage bestätigt: „Und die Mutter des Herrn Dekans Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.“

Zum Sohn des Entdeckers dieser Schrift bin ich unterwegs.

Ich gehe durch die Osterstraße, dem Prachtstück Hamelns. Baudenkmal reiht sich an Baudenkmal. Getreppte Giebel, Muschel-Nischen, Friese mit drallen christlichen und heidnischen Motiven. Imponierrausch der „Weser-Renaissance“. Denn damals war Hameln reich geworden. Kaufleute und Händler hatten aus Korn Gold gemacht. Baumeister und Künstler aus Italien und den Niederlanden erstellten die bestürzenden Häuser. Unter den Giebel setzten sie den „Neidkopf“. Eine Fratze, die den Hauseigentümer vor Mißgunst schützen sollte und die oft – so raunt es in Hameln – dem Bewohner glich. Am „Leisthaus“ (heute Museum) grinst sie besonders hämisch. Ich trete ein.