/ Von Wolfram Siebeck

Die fällige Schadenfreude will sich so recht nicht einstellen. Es kommt ja nicht überraschend, wenn Tageszeitungen dreispaltig verkünden: Den deutschen Winzern steht der Wein bis zum Hals. Es war zu erwarten, seit langem; und die Suppe haben sie sich selber eingebrockt, die deutschen Winzer. Dabei kann er wirklich einzig unter den Weinen sein, der Riesling aus dem Rheingau, von der Mosel und aus anderen Weinbaugebieten; sie sind tatsächlich edle Tropfen, die fränkischen Sylvaner, die Kaiserstühler Ruländer, die Weißburgunder aus dem Badischen und die Traminer; und noch kleine lokale Weine wie der Gutedel haben das Zeug dazu, nicht nur den Trinker zu entzücken, sondern ihrem Erzeuger auch noch Profit zu bringen. Dennoch steht ihnen der Wein bis zum Hals, fast allen.

Beim Weinbau muß vieles zusammenkommen, damit das Endprodukt die Erwartungen erfüllt, die der Konsument hat. Das Wetter muß mitspielen, die Traubensorte dem Boden angepaßt sein, der Winzer die Kellertechnik beherrschen, der Abfüller das Weingesetz respektieren. Aber alles ist umsonst und verloren, wenn nicht zunächst und vor allem die wichtigste, simpelste und einleuchtendste Regel beachtet wird: Je mehr Trauben auf einer bestimmten Bodenfläche wachsen, um so schlechter wird der Wein. Es ist der klassische Gegensatz von Qualität und Quantität. An der Höhe der Hektarerträge läßt sich mühelos und ziemlich präzis erkennen, welche Art von Wein jeweils erzeugt wird: dünne Weine, leichte Weine, mittlere Weine, charaktervolle Weine.

Abgesehen von Trockenbeerenauslesen, deren Erträge extrem niedrig liegen, läßt sich folgende grobe Einteilung machen: 30 – 45 hl/ha = Spitzenweine; 45 – 70 hl/ha = gute Weine; 70-90 hl/ha = noch akzeptable Weine. Das bedeutet natürlich keineswegs, daß ein niedriger Hektarertrag automatisch einen guten oder einen Spitzenwein ergibt. Umgekehrt aber ist es ausgeschlossen, daß von einer Rebfläche, deren Hektarerträge bei 150 Hektolitern und höher liegen – das Doppelte ist an Rhein und Mosel nicht unbekannt! ein nennenswerter Wein stammt.

Ein Gesetz, das die Hektarerträge wenigstens für Prädikatsweine (Spätlesen zum Beispiel) 1) beschränkte, gibt es in der Bundesrepublik nicht. Nun sollte man meinen, daß es nicht erst eines Gesetzes bedürfe, um Winzer anzuhalten, Erstklassiges zu produzieren. Ein Wein, der nach Überzeugung der Branche ‚einzig unter den Weinen‘ ist, darf ja zwangsläufig kein charakterloser Massenwein sein. Doch genau das ist aus dem geworden, was Dichter und Philosophen, Politiker und Wissenschaftler seit Jahrhunderten immer wieder zu hymnischen Apologien hinriß. Der deutsche Wein ist unter den weinen, was der Gummiadler unter den Hühnern ist. Übrigens aus dem gleichen Grund. Hier wie dort Massenproduktion, hier wie dort Rationalisierung, Technik statt Handarbeit, Chemie statt Natur. Und die wahnwitzige Spekulation, der Konsument würde auf die Dauer ein minderwertiges Billigprodukt der Qualitätsware vorziehen.

Das Dilemma ist nicht neu. Schon im Mittelalter gab es einen langen Katalog von Strafen für Winzer, die ihren Wein verfälschten. Wahrscheinlich war das schon bei den Römern nicht anders; der uns aus Kanaan überlieferte Wasserzusatz wird kein Einzelfall gewesen sein. Doch Fälschungen sind Vergehen gegen das Gesetz. Was mit dem deutschen Wein geschehen ist, war jedoch nicht ungesetzlich. Im Gegenteil, der Gesetzgeber hat die Weinbauern geradezu aufgefordert, den Schaden anzurichten, unter dem sie jetzt leiden. Denn der Weinbau gehört zur Landwirtschaft, und diese ist bekanntlich das Problemkind des Gemeinsamen Marktes. Vereinfachend läßt sich sagen: Die Zuschüsse aus Brüssel haben dem deutschen Wein mehr geschadet als der Zusatz von Süßreserve.

Es muß hier zunächst einmal relativiert werden. Wenn ich von Weinbauern rede, so sind vor allem Winzergenossenschaften oder Erzeugergemeinschaften gemeint. Den privaten Weingütern, die von vielen Subventionen ausgeschlossen sind, ist es allein zu verdanken, wenn Kenner immer noch gute und hervorragende Weine auf dem Markt finden. Dort, bei den Kleinbetrieben, gibt man sich noch Mühe, machen sich die Kellermeister noch Gedanken. Ich kenne Winzer, vor deren Unbeirrbarkeit, wenn es darum ging, sich entweder für eine schnell verdiente Mark oder ein mühsam erarbeitetes Renommee zu entscheiden, ich nur den Hut ziehen kann.