Von Gabriele Venzky

In dem breiten, faltigen Gesicht der alten Frau Izuckt es verräterisch. Sie wringt ihr kleines Taschentuch in den Händen, so, als wollte sie sich daran festhalten. Das frischgestärkte, blütenweiße lange Gewand der Koreanerinnen, welches sie trägt, ist zerknautscht, die Schleife auf der Brust verrutscht. "Und – unser Haus, wie sah es aus? Hatte es einen Garten?" fragt sie angstvoll. "Zwei Zimmer hatten wir und einen Garten hinten und vorn, aber nur vorn gab es ein Tor", antwortet ihr ein alter Mann. "Und, und erinnerst du dich noch an die kleine Schwester?" – "Nein, kaum, sie war ja nur zweieinhalb, als sie starb, und ich war damals sechs." Bitterlich weinend, schreiend fast, bricht die Frau zusammen, wirft sich auf den Boden, ist nicht zu beruhigen. "Ich kann es nicht fassen, ein Wunder, wie ein Wunder, mein Bruder..." Dem rollen dicke Tränen über die Backen. Er hebt die Frau vom Boden auf, setzt sie behutsam auf einen Stuhl, streichelt erst ihre Hand, dann ihren Kopf. Sie nimmt sein Gesicht in ihre Hände: "Du bist es? Du bist es!" Und wieder bricht sie in hemmungsloses Schluchzen aus.

Schon sind sie zur Stelle: Talkmasterin Ji Yum Lee und Talkmaster Chung Jong Yoo, Stars des südkoreanischen Fernsehens. Arm um die Schulter der weinenden Frau, Arm um die Schulter des fassungslosen Mannes, süß lächelnd beide, professionell Verständnis und Beruhigung ausstrahlend, aber knallhart: Mikrophon unter die Nase, Scheinwerfer an, Kamera, Großaufnahme. Das Innerste dieser Frau und dieses Mannes liegen aufgedeckt da vor einer atemlos zuschauenden Nation.

Tae Sam Lee, 61 Jahre alt, hat nach 32 Jahren ihren Bruder Tae Sup Lee wiedergefunden – 32 Jahre nach dem Bombentreffer auf ihr Haus direkt an der Bahnlinie, hoch im Norden der koreanischen Halbinsel bei Songjin. Sie war mit dem Leben davongekommen, hatte gerade Wäsche aufgehängt hinten im Garten. Aber der Bruder war wohl tot. Als man ihn zwei Tage später unter den Trümmern fand, war sie schon auf der Flucht in Richtung Süden. Ein Funke Hoffnung war immer geblieben – vielleicht lebt er ja doch noch. So war sie gestern abend mit ihrer Suchmeldung vor die Kamera getreten, und der Bruder hatte sie gesehen, hatte sich gleich in den nächsten Bus gesetzt und war hergekommen in die Stadt.

Ein Schicksal unter hunderttausenden, Millionen. Denn zehn Millionen Menschen wurden während des Korea-Krieges 1950 bis 1953 von ihren Familien getrennt, und die meisten haben sich nicht wiedergefunden. 40 102 von ihnen hat die koreanische Fernsehstation KBS im vergangenen halben Jahr wieder zusammengeführt. Sie hat mit ihren Suchprogrammen die gesamte Teil-Nation im Süden aufgerüttelt, hat sie an den Bildschirmen gefesselt, Stunden um Stunden, ganze Tage und Nächte hindurch. Wer einmal eingeschaltet hatte, konnte gar nicht mehr loskommen: diese Gesichter, diese Hochspannung, diese Hoffnungen, Freuden, aber auch Enttäuschungen. Eine Schwester findet ihre Schwester nach dreißig Jahren, eine Mutter ihr Kind, das nun erwachsen ist, ein Mann seine Frau. Unvorstellbare Szenen im Studio, sie trieben selbst mir, der Fremden, Tränen in die Augen. "Am Anfang haben auch wir alle geheult wie die Schloßhunde, jedesmal, vom Kabelträger bis zur Talkmasterin", sagt einer der smarten Fernsehjünglinge, "Jetzt beginnen wir allmählich, uns daran zu gewöhnen."

Eine junge Frau hält zögernd ein verschlissenes Babyhemdcnen vor die Kamera. "Erkennt das jemand? Weiß jemand, wer ich bin? Dieses Hemd habe ich vor 31 Jahren getragen, als ich von Soldaten in einem Waisenhaus abgegeben wurde." Die nächste, eine kleine, zerfurchte, bäuerliche Frau, hält ihr Schild vor die Kamera, ängstlich und und viel zu hoch, so daß sie gar nicht mehr zu sehen ist. Die Assistentin zupft es ihr bis auf Kinnhöhe herunter. Registriernummer: 42 407; Name: Chang Yun Ahn; Alter: 51. "Mein Bruder wurde von den Nordkoreanern gefangen, aber mir gelang es, aus Seoul zu flüchten. Jetzt lebe ich in dem Haus hinter dem Postamt am Youngdongpo Markt", steht auf dem Schild. "Bruder, wo bist du?" flüstert sie in das Mikrophon. Sie soll erzählen, was damals los war. Aber sie kann nicht, bricht in Tränen aus. Also der nächste: Wieder so ein Suchbild, wieder diese Hoffnung. Auf diesen einen Augenblick kommt es nun an. Mein Gott, wenn die ausgerechnet in diesem Augenblick nicht guken, die, die ich suche. Diese Chance kommt doch niemals wieder.

Begonnen hatte alles mit einem Zwei-Stunden-Programm im Juni zum 30. Jahrestag des Waffenstillstands. 200 Koreaner traten auf, die ihre Familienangehörigen suchten. Dabei hatte man es bewenden lassen wollen. Aber dann kamen so viele Anrufe, daß der Sender ein viertägiges Marathon-Programm veranstalten mußte, rund um die Uhr. Innerhalb von zehn Tagen hatten sich 10 000 Menschen registrieren lassen, nach einem Monat waren es 100 000. Da mußte der Sender die Segel streichen. Denn selbst mit 24stündigen Mammutshows, zunächst dreimal die Woche, dann jedes Wochenende, war dieser Ansturm nicht zu bewältigen, auch nicht, wenn man 800 bis 900 Personen mit ihren Schildern innerhalb von zwölf Stunden an den Kameras vorbeischleuste.