Von Hans Christoph Buch

Als der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1983, der von den Nazis in die Emigration gezwungene Jude und Antifaschist Manès Sperber, die unter französischen Intellektuellen derzeit weitverbreitete Vorstellung artikulierte, daß ein vereinigtes Europa seine Freiheit und Unabhängigkeit nur mit Hilfe von Atomwaffen verteidigen könne, wurde er vom VS-Vorsitzenden Bernt Engelmann als Kriegstreiber hingestellt und „im Namen der deutschen Schriftstelle?“ aufgefordert, den ihm zuerkannten Preis „schleunigst“ zurückzugeben.

Als der aus der DDR ausgebürgerte Schriftsteller Hans-Joachim Schädlich auf einer Podiumsdiskussion in West-Berlin den Standpunkt vertrat, daß erst die sowjetische Vorrüstung mit SS-20-Raketen die Nato-Nachrüstung provoziert habe, wurde er durch Pfiffe und Buhrufe am Weiterreden gehindert.

Zwei Beispiele aus der friedenspolitischen Aktualität der letzten Monate, die den Vorwurf französischer Kritiker zu belegen scheinen, daß die westdeutsche Friedensbewegung auf einem Auge blind ist und, was immer ihre Anhänger subjektiv glauben, objektiv sowjetischen Großmachtinteressen dient.

Diese Kritik, die auf deutscher Seite Abscheu und Empörung hervorruft, ist bei uns ebenso groben Mißverständnissen ausgesetzt wie umgekehrt die Aktionen der Friedensbewegung in Frankreich. Trotz der offiziell verordneten Freundschaft beider Nationen ist das wechselseitige Verständnis zwischen deutschen und französischen Linken auf dem absoluten Nullpunkt angelangt.