Von Rolf Michaelis

Augenblick der Wahrheit" heißt im Stierkampf die letzte, gefährlichste Runde dieses Todestanzes. In den knappen Sekunden, in denen der Matador das wunde Tier mit dem Degen töten muß, setzt er sich selber der Todesgefahr aus. Die wenigen Herzschläge, die alle Kreatur, ob Mensch oder Tier, auf dem Grat zwischen Leben und Tod verbringt, haben Menschen aller Kulturkreise als "Wahrheit" erlebt oder doch gedeutet, vor der das ganze übrige Dasein als Lüge, Heuchelei, schöner Schein oder als harmloses Spiel erscheint. Nur so ist zu verstehen, daß die "letzten Worte" eines Menschen im Angesicht des Todes, daß Lebensäußerungen, die im Englischen als famous last words in hohem Ansehen stehen, seit Jahrtausenden überliefert und mit besonderer Bedeutung behängt werden.

Gedankenlos plappern wir Worte nach, die sich einst der Brust eines Sterbenden in Todesqual oder in der Zuversicht eines Weiterlebens im Jenseits entrungen haben. "Es ist vollbracht", seufzte Jesus, nach dem Zeugnis des Johannes, am Kreuz. "Verzeihe ihnen, Herr, denn sie wissen nicht, was sie tun" – mit dieser Bitte schied einer der Apostel, Jakobus der Jüngere, unter dem Steinhagel seiner Verfolger aus dem Leben.

Doch was ist wahr oder ergreifend an solchen zum Zitat heruntergekommenen Worten, die wir wie ein Vermächtnis aus einer anderen Welt bewahren? Drückt sich in Sätzen auf der Schwelle zum Tode die Summe eines Lebens aus? Oder beschweren wir die oft zufälligen Daseinsäußerungen mit dem Gewicht sentimentaler Neugier? Haftet nicht letzten Verlautbarungen vor dem ewigen Verstummen etwas gewollt Theatralisches oder schwächlich Unbewußtes an, das sie untauglich macht als Siegel für das Leben eines Menschen?

Wer hat da recht, der achtundsiebzigjährige Theodor Fontane, der die Titelfigur seines letzten Romans, "Stechlin", zur Einsicht kommen läßt: "Wenn sich’s um Sterben handelt, da hört das Renommieren auf", oder der französische Advokat Olivier Patru, der vor dreihundert Jahren dem Geistlichen erwiderte, der ihn zum öffentlichen Widerruf freigeistiger Ansichten überreden wollte: "Es ist eher an der Zeit, daß ich schweige. Man spricht in diesen letzten Augenblicken nur aus Schwäche oder Eitelkeit"?

Das sind Fragen, die sich beim Lesen in einem der schönsten Lexika aufdrängen, in dem Wörterbuch des Todes von –