Das schmale Bändchen mit den vierzig Seiten ist innerhalb eines Jahres weit über hunderttausendmal verkauft worden. Der kleine Schweizer Verlag hat bereits die sechste Auflage drucken lassen. Haftete dem Wort nicht zu Recht ein übler Geschmack an, müßte man den Text dieses Büchleins, der von der Vernunft der Poesie handelt, ein Kultbuch junger Menschen nennen. Kein „Kultbuch“ mit jenen unverbindlich schwärmerischen Rückwärts-Träumen, die das Hirn vernebeln, sondern ein Text, dessen Schönheit, Klarheit, Poesie und Botschaft erschüttern –

Chief Seattle: „Wir sind ein Teil der Erde“ – Die Rede des Häuptlings Seattle vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1855“; Walter Verlag, Olten und Freiburg; 40 S., 9,80 DM.

Es ist die Rede des Indianers Seattle, Häuptling der Duwamish. Es ist die Antwort des roten Mannes auf das Angebot von Franklin Pierce, das Land der Indianer im Nordwesten der USA an weiße Siedler zu verkaufen. Ein Text, der hundertdreißig Jahre alt ist. Ein Text voller Schwermut und Trauer. Ein Text ohne Haß. Und dies trotz einer dreihundert Jahre vorausgegangenen Geschichte von Massakern und Unterdrückung durch die europäischen Eindringlinge.

Seit den Verbrechen der Conquista hatten die Indianer in sämtlichen Teilen Amerikas von den weißen Eroberern nur Geldgier und Brutalität erlebt. Die Blütspur beginnt mit Hernando Cortez, der Montezuma wissen ließ: „Die Spanier leiden an einer Herzkrankheit, gegen die Gold ein besonderes Mittel ist.“ Diesen zynischen Satz haben Cortez, Pizarro und die spanischen Schlächter in ihrem religiösen, rassischen Größenwahn mit den entsetzlichsten Gemetzeln an Kulturvölkern wahrgemacht, die die Geschichte kennt. Von Cortez bis zu den Massakern bei Wounded Knee hatten die Indianer vom weißen Mann Tücke, Gewalt, Vertragsbrüche und Ausrottungskriege erlebt. Ausrottungskriege, deren Stationen von Pequot (1636) bis zur Deportation der Cherokee, dem „Zug der Tränen“ (1838) reichten. Später folgten die Massaker am Sand Creek, die Schlächtereien am Little Bighorn River und das Gemetzel des Obersten Forsyth an den Sioux. Jede Gemeinheit war den Weißen zum Vernichten der Indianer recht.

Hundert Jahre, bevor Seattle seine Rede an den Präsidenten hielt, hatte General Jeffrey Amherst seinen Soldaten empfohlen, die Roten durch Pocken auszumerzen. „Sie täten gut daran, die Indianer mit Laken zu infizieren, auf denen Blatternkranke lagen oder sich aller sonstigen Mittel zu bedienen, diese verfluchte Rasse auszurotten. Ich wäre sehr glücklich, sollte sich Ihr Plan, sie mit Hunden zu hetzen, als ausführbar erweisen.“

Man darf diesen historischen Hintergrund nicht auslassen, will man verstehen, welche Noblesse und Größe, welche Sanftheit und Kraft die Worte des Duwamish-Häuptlings besitzen.

„Wir wissen, wenn wir nicht verkaufen, kommt vielleicht der weiße Mann mit Gewehren und nimmt sich unser Land. Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen – oder die Wärme der Erde? – Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes Insekt ist heilig in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. – Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler – sind unsere Brüder. – Der weiße Mann behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen.“