Schüler: „Wagner ist wirklich supergeil! Wagner, das ist richtige Abfahrmusik! Wagner ist No-future-Musik!...“

Lehrerin: „Ich möchte eindringlich davor warnen, Musik – ob das nun Wagner ist oder Disco oder sonst was – zum ‚Abfahren‘ zu benutzen . Eine Haltung, die so etwas kennzeichnet, das heißt: Ich lasse mich irgendwo völlig davon wegtragen, vergesse erst mal, was Sache ist, vergesse auch die Sache selber und mich selber sowieso – das halte ich für gefährlich! Und einen solchen Umgang mit Musik möchte ich durch nichts in irgendeiner Weise gefördert wissen.“

Schüler: „.Abfahren’ heißt einfach nur: Sich begeistern, Interesse haben für irgendwas! Und daran ermangelt es heute dem Schulunterricht ganz allgemein.“

Auszug aus dem Protokoll „Wagner zur Diskussion“ in der Deutschen Oper Berlin im Jahrbuch der Deutschen Oper Berlin, Spielzeit 1982/83“.

Der „Stern“ macht der Kultur Beine

Die wilhelminischen Studienräte, die am stern-Gymnasium Kultur unterrichten, sind ungehalten. Zum Ende des Jahres ließen sie alle Klassen der Größe nach antreten und stauchten sie zusammen: Leistungen ungenügend, Benehmen miserabel. Die gesamte Filmklasse etwa ist 1983 jämmerlich „gescheitert“, vor allem weil Frau Winkler immer so ein „nervöses Augenflattern“ hatte. Die Theaterklasse hat „kaum Theater“ gegeben. Die Popmusikklasse hat pensionierte Greise wie Supertramp oder Crosby, Stills & Nash aus ihrem Altersheim geholt. „Typisch“ für die Literatur war, daß ein „promovierter Kafka-Kenner Leben und alltägliches Umfeld des Einzelgängers“ rekonstruierte und Frau Kristiane der grauen Zeit rosarote Plazebos in die Augen streute. Besonders blamabel führte sich die Kultur in Sachen „Carmen“ auf (klar, die Kulturmacher sind auch haftbar für Vorlieben und Abneigungen des Publikums): einfach „traurig“, wie da, obwohl heute doch die „Vernunftbeziehungen“ zwischen den Geschlechtern angesagt sind, das reaktionäre alte Märchen aufgewärmt wurde, und das auch noch „im harten Stechschritt“, Männer und Frauen könnten sich ineinander verlieben. Ein Lichtblick, ein „Glanzlicht“ in diesem allgemeinen Scheitern fast nur „Popstar Nena“, die „gegen Tralala“ ist und darum bekanntlich das ernste und zackige Kampflied von den 99 Luftballons vortrug. – was wäre von diesen Versagern eigentlich zu verlangen? Der „Kulturkampf gegen die Macht am Rhein“. Statt dessen: „Wegschauen vom politischen Alltag“, gar „Vergnügen“! „Sang-, klang- und sprachlos haben sich Dichter, Maler, Film- und Theatermacher der Verpflichtung entzogen, der Wirklichkeit eine andere Welt entgegenzustellen.“ „Nur wenige Kreative machten von sich reden.“ – Das muß sich 1984 gefälligst ändern. Carmen wird als Hexe verbrannt, neues Leitbild wird eine Sachverständige für Vernunftbeziehungen wie Gisela Ebner oder Svende Merian. Die gesamte Schülerschaft wird zum Kulturkampf dienstverpflichtet, ohne Augenflattern, unter Sang und Klang und die sprachmächtige Nena als neue Jeanne d’Arc allen voraus, marschiert der Geist gegen die Macht, nach Bonn, woselbst er feste hinschaut, sich jeglichen Vergnügens enthält und unter nunmehr endlich mehrheitlichem Sprücheklopfen gleich daneben eine andre Welt erbaut, vor der die bloße Wirklichkeit erröten muß. Damit hätte die Kultur dann endlich wieder einmal ihre vornehmste Pflicht erfüllt: Sie machte tierisch von sich reden, die Kulturredakteure des stern könnten mitschnattern und brauchten sich nicht mehr so „unendlich“ zu langweilen. Also an die Arbeit; Drückebergern werden Beine gemacht.

Gunter Falk