Neues vom großen Bruder

Grigorij Alexandrowitsch Potemkin, russischer Reichsfürst, ließ vor zweihundert Jahren in aller Eile Dörfer aufbauen und zum Scheine bevölkern, um Katharina II. auf ihrer Krim-Reise vorzuspiegeln, daß ihr Land in Frieden blühe. In Afghanistan haben die sowjetischen Besatzer seit Jahren versucht, westlichen Besuchern und Beobachtern ähnliche Dörfer vorzuführen. Zum vierjährigen Jubiläum ihrer „Ankunft“ ließen die Moskowiter nun sogar die afghanische Hauptstadt in ein Potemkinsches Dorf umwandeln. 100 000 Menschen – fast so viele, wie an Rotarmisten im Lande stehen – demonstrierten in Kabul gegen die Invasion. Gegen welche? Natürlich gegen die amerikanische Invasion auf Grenada. Das jedenfalls meldete der vom großen Bruder in Moskau gelenkte afghanische Rundfunk. Potemkin im Orwell-Jahr: 1984 hat in Kabul würdig begonnen.

Der rote Klecks

„Schreiben Sie möglichst lange und langweilige Artikel, denn das wirkt besonders seriös“, wurden einst die jungen Journalisten angewiesen, die bei Le Monde ihren Einstand gaben. Dem Weltblatt aus Paris war jedes Mittel recht, um seiner treuen Gemeinde die Lesefreude zu vergällen. Le Monde wollte nicht witzig, sondern wichtig sein. So konnte sich die Redaktion nie zu dem Entschluß durchringen, Photographien ins Blatt zu rücken. Doch vorige Woche brach für viele Leser von Le Monde eine Welt zusammen. Die Abonnenten, die seit vier Jahrzehnten alles grau in grau zu lesen gewohnt sind, sahen plötzlich rot. Auf der ersten Seite wurde ihnen zum Andenken an den verstorbenen Maler eine Miró-Graphik mit einem großen, knallroten Klecks zugemutet. Wer couragiert weiterblätterte, kam indessen nicht über Seite sechs hinaus. Denn dort wuchs sich der Neuerungseifer der Redakteure zum Skandal aus: Erstmals in seiner Geschichte erkühnte sich das Intelligenzblatt, ein Photo des französischen Präsidenten abzudrucken ... Will Le Monde mit Miró, Mitterrand und graphischem Mimikry seine Millionenverluste wettmachen? Kommt die stolze Abendzeitung dank roter Kleckserei aus den roten Zahlen?

Aschendiebe

Mátyás Rákosi, Moskaus brutaler Statthalter im Nachkriegsungarn, ist noch einmal ins Gespräch gekommen. Der glatzköpfige Diktator, der sich selbst stolz als „Stalins besten Schüler“ bezeichnete und dessen blutige Herrschaft schließlich zum Ungarn-Aufstand von 1956 führte, starb 1971 in einer Moskauer Siedlung für pensionierte Funktionäre. Die Urne des von der Welt vergessenen Mannes wurde auf dem Budapester Friedhof Farkasrét unter der Nummer F 1558 und 1559 zur vermeintlich letzten Ruhe bestattet. In den ersten Monaten nach der Beisetzung beobachteten noch Geheimpolizisten die mit Namen und Sterbedatum versehene Mauernische, sie brachten auch regelmäßig frische Blumen mit. Als sich jedoch niemand für die Asche des Diktators interessierte, blieben die Polizisten weg. Nun, Jahre später, ist plötzlich die Urne verschwunden. Zwar ist Ungarn mit seinen vielen Hügelgräbern in der pannonischen Tiefebene von Alters her ein Land der Grabräuber – wer aber an der Asche des Diktators ein Interesse finden konnte, bleibt der Polizei vorerst ein Rätsel.