„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ 3. Buch Moses, 1935

Berlin, Breitscheidplatz. Der graue Himmel hängt tief. Drei dänische Touristen wollen vor dem Schneeregen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Zuflucht suchen; sie werden von einer Polizeikette zurückgewiesen. Vor; den Polizisten stehen gut 50 junge Leute, Hausbesetzer und Autonome, und fordern Einlaß. Etwa zwanzig von ihnen seien drinnen, sagen sie. Sie hätten die Kirche besetzt, in Trauer und Wut über den Tod der sechs Abschiebehäftlinge in der Silvesternacht.

Wütend ist auch die junge Frau, die zweihundert Meter weiter Flugblätter verteilt – „Abschiebehaft ist Mord“. Die Anklage stößt bei den eiligen Passanten auf blankes Desinteresse. Verschwunden sind die sechs Toten auch bereits wieder aus den Schlagzeilen der Berliner Presse – es waren schließlich nur unerwünschte Ausländer.

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft untersuchen derzeit die Vorgänge im Polizeigewahrsam am Berliner Augustaplatz. Zunächst ermittelten sie nur gegen die 36 Abschiebehäftlinge, die Überlebenden der Brandnacht, wegen Verdachts auf Gefangenenmeuterei und schwerer Brandstiftung; nach zwei Tagen dann auch gegen vier Beamte des Wachpersonals. Die Polizisten werden der fahrlässigen Tötung verdächtigt, allerdings „am unteren Ende der Skala“, wie Oberstaatsanwalt Ullrich Noack erklärt.

Was hat sich am 31. Dezember zwischen 21 und 22 Uhr am Augustaplatz ereignet? Fest steht, daß die drei Zellen des Gewahrsams mit 42 Abschiebehäftlingen belegt waren. Die Zellen A und B, in denen es brannte, haben an der Eingangsseite und vor der gegenüberliegenden Fensterfront vom Boden bis unter die Decke schwere Eisengitter, Raubtiergehegen ähnlich. Die Zelle B ist rund 80 Quadratmeter groß, das Inventar besteht aus Stockbetten, Tischen und Bänken, die am Boden festgeschraubt sind.

Bis zu 14 Häftlinge sitzen in dieser Zelle; in der gegenüberliegenden Zelle C sind es bis zu 20. Die Insassen wissen nicht, ob sie Tage, Wochen oder Monate darin zubringen müssen oder ob morgen schon ein Polizist kommt, der mit den Händen einen fliegenden Vogel imitiert und sie zum Flughafen verfrachtet. Zeitungen, Fernsehen gibt es nicht; der Hofgang in das 200 Quadratmeter große Geviert fällt des öfteren aus.

Die Männer, die dies ertragen müssen, kommen aus den verschiedensten Ländern der Dritten Welt, sprechen kaum Deutsch, können sich oft auch untereinander nicht verständigen, Viele wissen nicht, wann und wohin sie abgeschoben werden, ob sie dort nicht Krieg, das nächste Gefängnis oder gar Folter erwartet.