Die Italiener, so bekannte Fiat-Chef Giovanni Agnelli nicht ohne Stolz, seien von jeher sehr geschickt darin, Neuerungen aufzunehmen und die Erfindungen anderer auf eigene Art umzuformen und anzuwenden. Das gehöre nun einmal zur industriellen Tradition des Landes.“ Aber kapieren und anwenden ist eine Sache für sich. Etwas ganz anderes ist dagegen die Forschung, das Experiment, der Einsatz völlig neuer Dinge mit dem entsprechenden Risiko.“ Agnelli, der in einem geschlossenen Kreis von italienischen Managern über die Zukunftschancen des Exports sprach, verblüffte sein Publikum mit einem völlig unerwarteten Schluß: „Höchste Technologiestufe als Norm ist ein Luxus, den sich nur ganz wenige Länder leisten können – Italien gehört nicht dazu!“

Der Fiat-Chef nannte vier Voraussetzungen, die dem Land für eine Teilnahme am industriellen Formel-I-Rennen im internationalen Wettbewerb fehlen:

  • Die höchste Technologie-Stufe kann nur durch extrem hohen Forschungsaufwand erreicht werden. Italien fehlt das Kapital dazu.
  • Nur Länder, in denen auf die Wirtschaftspolitik soweit Verlaß ist, daß mittel- und langfristige Planungen möglich sind, kommen in Frage. Das Italien der römischen Politik gehört nicht dazu.
  • Ein Land mit höchster Technologie-Stufe muß einen sehr großen nationalen Markt zur Verfügung haben, in dem ein Produkt nicht nur in großen Mengen hergestellt, sondern auch in kurzer Zeit abgesetzt werden kann. Italien hat zwar 56 Millionen Einwohner, aber ein großer Teil des Landes ist Entwicklungsgebiet und kommt als Absatzmarkt für diese Technologiestufe nicht in Frage.
  • Die Industrie eines Landes der höchsten Technologiestufe muß ihr Forschungs-Engagement über einen langen Zeitraum konstant halten können. Italiens Industrie ist – von Ausnahmen abgesehen – dazu nicht in der Lage.

Daraus, so folgert der Chef des größten italienischen Privatkonzerns weiter, muß die Industrie des Landes, aber auch die politische Führung zweierlei lernen: Daß geballte Forschungsinvestitionen mit dem Ziel, das Land auf den höchsten Technologiestand zu hieven, ein unverantwortlich großes Risiko bedeuten würden und daß man statt dessen alles daransetzt, um mit Hilfe fortschrittlicher Technik das besser zu produzieren, was Italien ohnehin bereits herstellt. „Wenn Italien seine Schwäche als Stärke nutzt, dann ist das für ein so kleines Land realistisch.“

Agnelli meint mit seiner These nicht, daß Italiens Wirtschaft auf die Anwendung moderner Technologie verzichten sollte. Im Gegenteil: Als ein Land, das vor allem mit seiner verarbeitenden Wirtschaft und im tertiären Bereich (zum Beispiel Tourismus) auf dem Weltmarkt präsent ist, muß es soweit wie möglich die fortschrittlichsten technotorischen Prozesse nutzen. Aber selbsterarbeitete Spitzentechnologie ab Norm kann eben nur die Ausnahme sein. So ist Fiat auf Gebieten mit hochster Technologie in der Produktion für Herzschrittmacher, Roboter, Flugzeugbau und Elektronik vertreten. Olivetti ist der größte europäische Konzern für Büroinformatik. Pirelli produziert optische Fasern. Aber das sind weiße Raben. Eine Besinnung auf die Möglichkeiten der italienischen Industrie auf dem Weltmarkt führt nach Agnelli zu dem Schluß, daß sich die Masse des Angebotes auf Gebiete konzentrieren muß, die stärker auf die Qualität als auf den Preis reagieren.

In der Textilmode, bei Schuhen, Lederwaren, Autos, Möbeln, Reifen, Traktoren, Werkzeugmaschinen ist dieser Prozeß entweder im Gang oder weitgehend gelungen. In anderen Branchen wie Spielwaren, Musikinstrumenten (Ausnahme: die hochwertige Violinenproduktion von Cremona) und Konsumelektronik steht er erst am Anfang. Aber die Konkurrenzfähigkeit hängt nicht nur vom Wert der Produktion, sondern auch von der Qualität der Dienstleistungen des Landes ab – jedenfalls soweit sie Absatz, Service, Lieferpünktlichkeit, Finanzierungsmöglichkeiten und Image sowie die Leistungsfähigkeit und Schnelligkeit der Bürokratie betreffen. „Und da gibt es hierzulande wenig Produktivität, viel Händlerisches und zuviel Versorgungsdenken“, urteilt Agnelli.

Die Chance, zu den wenigen Ländern mit höchster Technologie zu gehören, hat sich Italien im letzten Jahrzehnt verbaut. Sozialpolitische Kämpfe, unternehmerfeindliches Denken, Subventionsprogramme, bei denen gewaltige Kapitalmengen staatlich fehlgeleitet wurden, haben die Entwicklung gebremst Die Halbinsel mit fast gleich hoher Bevölkerungszahl wie die Bundesrepublik produziert immer noch wie vor fünfzehn Jahren nur die Hälfte des deutschen Sozialproduktes, Zwar ist Italien mit einem Export- und Importanteil von jeweils fast einem Viertel des Wertes seiner Güter und Dienstleistungen die siebtgrößte Handelsnation der westlichen Welt.