Mit einem Röstverfahren and neuen Packungen werden Preiserhöhungen kaschiert

Der Gruß an den Hamburger Erzrivalen kam durchaus von Herzen: „Mit der Einführung neuer kurzzeitgerösteter Kaffees durch den Hamburger Versender Tchibo“, so „begrüßte“ der Bremer Kaffeeröster Jacobs diesen Schritt, „wurde die Waffengleichheit unter den deutschen Großröstern wiederhergestellt.“ Nun nämlich könnten endlich die Konsumenten und nicht länger mehr die Gerichte über das bessere Röstverfahren entscheiden.

Am Donnerstag dieser Woche schlug für Tchibo „die Stunde Null“, die Kaffee-Kunden werden in den 500 Filialen und über 9000 Depots keine ihrer gewohnten Kaffeepakete mehr bekommen: Unter den bisherigen Namen „Beste Bohne“, „Sana“, „Ferne Milde“, „Gold Mocca“ und „Family“ bietet nun auch Tchibo kurzzeitgeröstete Bohnen an. Slogan: Jetzt bis zu 15 Prozent ergiebiger

Die in weniger als drei Minuten gerösteten, dadurch leicht aufgeblähten Bohnen werden zudem in neuen Packungsgrößen (Tchibo-Manager Horst Pastuszek: „bedarfsgerechter“) angeboten. Statt wie gewohnt in Halbpfund- und Pfundpackungen werden die Bohnen in 200-, 400- und 600-Gramm-Tüten verkauft. Tchibo lockt die Kundschaft mit dem Versprechen: „Da gibt’s mehr Tas- – sen aus meinem Kaffee.“ Allerdings räumen die Hamburger ein, daß der Coffeingehalt nun geringer ist. Und um den Kunden die neuen Kaffees dennoch schmackhaft zu machen, locken die Werber ganz zeitgemäß mit dem günstigeren Preis. „Alle können Bargeld sparen mit dem neuen Röstverfahren“, lassen sie in den TV-Spots reimen.

Zwar mußte Tchibo – wie die Konkurrenten am Kaffeemarkt auch – dringend die Preise erhöhen, um steigende Dollarkurse und Rohkaffeepreise wieder aufzufangen, doch dank der höheren Ergiebigkeit, so rechnen die Anbieter in schöner Eintracht vor, spare der Kunde gleichwohl beim Kauf. Mit dem Gewicht rutschen die Sorten wieder unter die problematische Preisschwelle von zehn Mark. So kostet die neue 400-Gramm-Packung „Beste Bohne“, Tchibos Spitzensorte, 9,45 Mark. Das alte Pfund-Paket lag bei 11,25 Mark und wäre nach der Preiserhöhung auf 11,81 Mark geklettert.

Das neue Röstverfahren, schon seit 1978 in den USA als Reaktion auf die Kaffee-Preissprünge nach dem brasilianischen Jahrhundertfrost von 1975 im Einsatz, bringt so für die heimischen Röster gleich mehrfachen Nutzen: Bei geringerem Rohkaffee-Einsatz ließen sich Preisanhebungen durchsetzen, die den Konsumenten den Eindruck von Preissenkungen vortäuschen. Vergleichbar sind die alten und neuen Kaffeequalitäten wegen der erhöhten Ergiebigkeit der neuen Sorten ohnehin nicht mehr.

Mit der Sortimentsumstellung von Tchibo, unterstützt vom bisher größten Marketing-Etat des Unternehmens mit wohl deutlich über fünfzig Millionen Mark, hat auch der zweitgrößte Röster der Branche sich für die neue Technologie entschieden. Damit hat sich das Kurzzeit-Röstverfahren am heimischen Markt durchgesetzt. „Das Nachziehen des größten Mitbewerbers von Jacobs-Kaffee“, freut sich der Bremer Rivale, „beweist die Richtigkeit der Entscheidung des Vorreiters für diese neue Produktgeneration.“