Die Gegenwart Afrikas – reflektiert im Dialog von deutschen und afrikanischen Denkern

Von Rudolf zur Lippe

Alte Konfrontationen und neues Bemühen um wechselseitiges Verständnis, neues altes Selbstbewußtsein der Afrikaner, altes neues Bewußtsein der Europäer für das andere bestimmten ein zweiwöchiges Symposion im Herzen Afrikas: Philosophen aus mehreren Ländern der Bantu-Region und Politologen und Philosophen aus der Bundesrepublik Deutschland trafen sich in Ruanda, um zwei Wochen lang über die widersprüchlichen Hoffnungen nachzudenken, die Afrika in den Zusammenhang von traditioneller Weisheit und heutigem Alltagsleben setzen will.

Referate gaben Stücke dieser Traditionen und ihrer Bedeutungsgeschichte aus gegenwärtigem Engagement der Afrikaner wieder oder skizzierten europäische Überlegungen dazu an den Themen von Menschenwürde und Menschenrechten, von Lebensnotwendigkeiten dichter Bevölkerungen einerseits und deren Übereinstimmung mit der Natur andererseits.

Diskussionen und Gespräche suchten, Wege zu bahnen durch den Mangel an Wissen voneinander und den Überhang an voreiligen Interpretationen, voreilig, auch wenn sie längst Teil verfahrener Geschichtsentwicklung geworden sind.

Oft waren die Gedanken einander sehr fremd; meist herrschte fast freundschaftliche Aufmerksamkeit füreinander. Plötzlich steht aus der Tischrunde einer der Professoren aus Kenia auf und stellt fest: Das afrikanische Selbstverständnis steht immer unter dem Zwang, sich am fremden messen lassen zu müssen. Wenn die Afrikaner sich auf ihre eigenen Traditionen des Lebens und Denkens besinnen wollen, so verlieren sie den Anschluß an das westliche Denken, an das sie doch schon praktisch durch die Herrschaft westlicher Organisationsformen bis in ihre Länder hinein angeschlossen sind. Wenn sie sich dem stellen, sind sie notgedrungen die Nachzügler einer Entwicklung und eines Systems, deren Weltgeltung sie auch noch ausdrücklich anerkennen würden.

Widersprüche beherrschen die Situation im Denken wie im Handeln. Von Tag zu Tag werden sie deutlicher und zahlreicher. Zu deutlich und zu komplex, so daß die Afrikaner in der einen oder anderen Frage ihnen durch Behauptungen und Entscheidungen zu entkommen versuchen – Nervosität der Europäer ist die Folge.