Eine Tageszeitung bitte“ – „Ja, aber welche soll’s denn sein?“ fragte die Zeitungsverkäuferin. „Die taz!“ – „Ich verstehe, Sie meinen die Frankfurter Allgemeine.“ – „Nein, taz mit t am Anfang,“ erklärt der junge Mann, „das ist so eine neue linke Tageszeitung aus Berlin.“ Solche Verständigungsschwierigkeiten, die an den Kiosken mit dem 17. April 1979 häufig auftraten, sind mittlerweile zu Anekdoten geronnen. Die taz-Leserschaft bekommt seit bald fünf Jahren ihre Tageszeitung, und die FAZ-Leserschaft wird ausführlich über die taz informiert, wenn diese, wie in den letzten Wochen, mal wieder in einer ihrer Krisen steckt, um sich schließlich doch wieder aufzurappeln. „Eine neue Zeitung ist die Frau meiner Träume seit 67“, hatte Fritz Teufel im Februar 78 aus dem Moabiter Gefängnis geschrieben. „Die Frau meiner Träume macht alle glücklich. Sie fegt Mauern weg wie nix. Gettomauern, Knastmauern und das Monstrum vom dreizehnten August. Sie wird von Frauen, Kindern, Türken, Indianern, Schülern, Studenten, Gefangenen und anderen Rentnern, von Lohn- und anderen Drogenabhängigen für ihresgleichen gemacht. Daß sie doch auftauchte und nicht gleich wieder verschwände.“

Die taz ist heute nicht nur eine überregionale Tageszeitung mit einer verkauften Auflage von 35 000 und Lokalteilen in Hamburg und Berlin, sondern der bislang größte selbstverwaltete Betrieb hierzulande, ein Unternehmen ohne Unternehmer mit einem Jahresumsatz von rund neun Millionen Mark. Auf der dreitägigen Krisenversammlung zwischen den Jahren in Berlin zeigte sie ihr schreckliches Gesicht, gleichwohl hat sie sehr verschiedene Gesichter, so verschieden wie auch die Blicke sind, denen Teufels Traumfrau ausgesetzt ist.

Eine Liebe

„Furchtbar wäre das, wenn sie nicht mehr erscheinen würde“, seufzt Susanne B., die aus beruflichen Gründen jeden Morgen mindestens fünf Tageszeitungen liest. Sie ist Redakteurin eines großen Magazins in Hamburg und gibt sich einer eigentümlichen Leidenschaft hin, wenn sie diese skurrile Zeitung aus Berlin aufschlägt. Sie lächelt über den „Säzzer“, der gegen Ende eines langatmigen, hochkomplizierten Artikels in einer eckigen Klammer denen gratuliert, die so weit freiwillig durchgehalten haben, sie studiert die tägliche Frauenseite, und sie bewundert Respektlosigkeit und Witz, mit denen über die Herren in grauen Anzügen hergezogen wird, einerlei ob sie aus Bonn, Moskau oder Washington kommen. Viele Artikel sind für ihre Maßstäbe dilettantisch oder unverständlich geschrieben, doch sie haben Charme und nicht die professionelle Glätte, die sie bei ihren eigenen Produkten bisweilen haßt.

So richtig entflammt ist ihre Liebe allerdings erst, als sie vor zwei Jahren die Redaktion der taz im grauen Berliner Wedding besuchte. Ein riesiger Hund lümmelte im Flur herum, ein kleines Kind saß bei seiner Mutter auf dem Schreibtisch, und schon nach fünf Minuten wurde sie geduzt, als würde sie dazugehören. Sympathische junge Leute mit bewundernswertem Idealismus, nicht so abgebrüht und zynisch wie viele ihrer Kollegen in Hamburg; und keine cholerischen Chefredakteure. Richtig neidisch war sie geworden.

Wenn Susanne B. um die taz bangt, tut sie das freilich nicht nur, weil ihr Herz mindestens seit 1968 links schlägt, sondern auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse. Sie könnte ihrem uneinsichtigen Ressortleiter nicht mehr den neuesten in der terton fragen: „Das müßte doch auch ein Thema für uns sein?“ Noch schlimmer: „Ohne die tägliche Sendung von Themenvorschlägen und Rohmanuskripten aus Berlin müßte sie jeden Giftskandal selbst aufspüren. Sie könnte nicht mehr stilvoll bei „Cuneo“ tafeln, sondern müßte in schmuddeligen Alternativkneipen Reis mit zerkochtem Gemüse löffeln, um den Treffpunkt der Altonaer Volkszählungsboykott-Initiative zu erfahren oder zu hören, – warum es im Mutlanger Friedenscamp so „ätzend gewaltfrei“ war. Bei aller Liebe für die Alternative, eine schreckliche Vorstellung.