Von Rolf Zundel

"Regierlich stimmt er bei den Wahlen, zuwider ist ihm aller Streit; obwohl kein Freund von Steuerzahlen, verehrt er sehr die Obrigkeit."

Stuttgart, im Januar

Diese Schilderung des Herrn Biedermeier, Ralf Dahrendorf erinnerte auf dem Stuttgarter Dreikönigstreffen der FDP daran, stammt von Ludwig Pfau, einem der frühen schwäbischen Liberalen. Er gründete zusammen mit Carl Mayer und Julius Haussmann – alle drei hatten Exil oder Festungshaft hinter sich – 1864, vor 120 Jahren also, die "Demokratische Volkspartei" in Württemberg. Die FDP/DVP des Südweststaats beruft sich noch heute auf diese Tradition.

Gewiß hat Ludwig Pfau den Herrn Biedermeier nicht erst im Exil entdeckt, er hat diese Spezies der Bürgerlichkeit im Württembergischen wohl häufig genug getroffen: selten mit der Welt zufrieden, vor allem soweit sie nicht von Schwaben bewohnt ist, aber rundum im reinen mit sich selber. Und Herr Biedermeier hat überlebt. Er gehört heute, fleißig, tüchtig und zu Erfolg gekommen, zur Stammkundschaft der CDU des Landes. Den Politikern der FDP aber droht heute nicht mehr Festungshaft oder Exil, sie blicken auf eine vergleichsweise bescheidene, aber dennoch schmerzhafte Kümmernis zurück: 18 Jahre Opposition.

Was tun? Das Problem der FDP besteht darin, der bürgerlichen Grundstimmung im Lande nahezukommen, um wählbar zu werden, und zugleich den Bürgern auch einen plausiblen Grund zu liefern, gerade die Liberalen zu wählen. Das erste Ziel hat die FDP wohl erreicht. Nach der Wende ist die Partei umgekrempelt worden. Etwa die Hälfte der Parteitagsdelegierten – die Schätzungen schwanken – sind ausgewechselt. Ehemals passive Mitglieder sind wieder in Ämtern, Aktive aus der sozial-liberalen Zeit haben sich zurückgezogen oder die Partei verlassen. Obwohl der Wechsel in Baden-Württemberg vergleichsweise glimpflich für die Partei vonstatten ging, ist die Mitgliederzahl von 9000 auf 8200 geschrumpft. Man ist wieder in guter Gesellschaft.

Auch wenn der stellvertretende Landesvorsitzende Enderlein sich noch als Linksliberaler bekennt, der Parteitag ist auf wohltemperierte Bürgerlichkeit eingestellt, und handfester Streit gedeiht in dieser ereignislosen Harmonie nicht. Gewerblicher Mittelstand, freie Berufe bestimmen das Bild: Wirtschaftsliberalismus mit ein paar liberalen Aufmüpfigkeiten hübsch garniert. "CDU – de luxe", kommentiert die SPD böse.