Von Helmut Schneider

Eine der Wände des Vorzimmers, das zu den privaten Gemächern des Dogen führte, ist bemalt mit Landkarten, die zeigen, wie weit unternehmungslustige Bürger der Serenissima in der Welt herumgekommen sind. Den Rekord hält natürlich Marco Polo, der vor ziemlich genau 700 Jahren bis nach China gelangt ist, an den Hof Kublai Khans. Der Maler, der im 18. Jahrhundert diese bahnbrechende Entdeckungsreise im Dogenpalast rühmend verewigte, hat in die Karte Bildvignetten eingestreut – eine davon zeigt ein Nashorn, bestaunt von drei Chinesen.

Die gleiche Szene wiederholt sich nun täglich ungezählte Male zu Füßen des gemalten Dickhäuters: Besucher drängen sich um eine Vitrine und bewundern ein Nashorn. Dieses Exemplar allerdings ist aus Bronze, sein Körper ist über und über bedeckt mit dekorativen Einlagen aus Gold und Silber, es diente ursprünglich als Weinbehälter und ist eines der Glanzstücke der Ausstellung „7000 Jahre China“, mit der die Volksrepublik China sich bedankt für die kulturvermittelnde Pionierarbeit des Venezianers.

Die Ausstellung hat ein ganz anderes Konzept als die bisher im Westen gezeigten China-Wanderschauen, die sich hauptsächlich auf spektakuläre archäologische Funde konzentrierten. Aus dem enormen (und ständig weiter anwachsenden) Material der Ausgrabungen in jüngerer und jüngster Zeit wurden diesmal etwas mehr als einhundert Objekte ausgewählt, die sieben Jahrtausende chinesischer Kunst und Kultur dokumentieren, zugleich aber auch Auskunft geben über politische und soziale Entwicklungen in dem Zeitraum vom Neolithikum bis zur früheren Han-Dynastie, die um Christi Geburt endete.

Das Ensemble als Ganzes ist außergewöhnlich. Nahezu jeder Gegenstand ist von makelloser Perfektion, unscheinbare Gebrauchsgegenstände ebenso wie aufwendig gestaltete Prunkgefäße – und im Glücksfall vertritt ein Stück eine ganze Epoche, die bescheidene, achttausend Jahre alte Steinsichel etwa, die den Übergang der Jäger und Sammler zu einem seßhaften Leben anzeigt. Ausgehend von dieser Agrargesellschaft, die sich in Stämmen organisierte, zeichnet die Ausstellung nach, wie sich über die Konzentration von Macht in den Händen weniger eine Klassengesellschaft herausbildete, aus der dann eine Feudalgesellschaft wurde. Der Kampf der Könige um die Vorherrschaft im Reich endete mit dem Entstehen eines Zentralstaates, in dem ein Kaiser regierte. In der Gründung des Kaiserreichs im Jahre 221 v. Chr. (um diese Zeit war Rom mit dem zweiten Punischen Krieg beschäftigt) kulminierte das chinesische Feudalsystem.

Die beiden lebensgroßen Krieger und das Schlachtroß aus Terrakotta, Teile der tönernen Armee, die das Mausoleum des ersten Kaisers bewachte, sind imponierende Beispiele einer neuen imperialen Kunst, ein weiteres das aus rund zweieinhalbtausend Jadeplättchen zusammengefügte Totengewand eines Han-Prinzen. Der Zusammenhang von Kunst und Politik wird auch an den Arbeiten aus den vorangegangenen Jahrhunderten sichtbar, hinter der Eleganz der Formen und der prachtvollen Ornamentierung verbirgt sich der Machtanspruch der Auftraggeber. Zu verstehen, wie im alten China Kunst, Politik und Religion ineinandergriffen, ist schon schwieriger.

Schon auf Tongefäßen des fünften oder vierten Jahrtausends tauchen Darstellungen auf, die auf schamanistische Praktiken hinweisen. Der Schamane stellte die Verbindung zum Himmel her, und in dieser Funktion übte er Macht aus – die im Laufe der Zeit die Herrscher für sich monopolisierten und so den Schamanismus zum Instrument ihrer Regierung machten. Dabei spielten Kunstwerke eine Rolle, Dreifüße, deren Besitz den Zugang zum Himmel garantierten, Bronzekessel, die mit mythischen Drachen, Tigern und Schlangen dekoriert waren, Tieren also, die philosophische und moralische Konzepte verkörperten und außerdem einschüchternd wirkten.