Von Theo Sommer

Seine "kolossale Freude" am Amt des Bundesverteidigungsministers hat Manfred Wörner vor noch nicht allzu langer Zeit öffentlich bekannt; den "Reiz der Macht" kostete er mit Genuß aus. Doch jetzt ballen sich Wolken über seinem Haupt zusammen. Das "mörderische Amt" fordert auch von ihm seinen Zoll.

Beflissene Unterlinge haben mit der Anordnung, daß Offiziere nicht mit Unterzeichnern des Heilbronner Appells diskutieren dürfen, wieder einmal den Verdacht genährt, die Bundeswehr entwickle sich zum Staat im Staate. Der Fall Kießling zeigt, daß kein Verteidigungsminister von Generalsaffären verschont bleibt. Zwei Tornado-Abstürze binnen weniger Tage weisen auf die Risiken der modernen Rüstungstechnik hin. Zugleich bahnen sich heikle politische, parlamentarische und bündnisinterne Auseinandersetzungen über den Umfang, die Ausrüstung und die Strategie der Bundeswehr in den neunziger Jahren an.

Er versieht sein Amt noch immer gern, sagt Wörner. Aber er weiß, daß ihn sein zweites Jahr vor schwierige Entscheidungen stellt. Und er ist nicht länger der Sonny Boy des Kabinetts. Ein Achtzehnstundentag, sieben Tage in der Woche, hat tiefe Spuren in das Gesicht des fast Fünzigjährigen gegraben. Das Schicksal aller seiner Vorgänger bleibt ihm nicht erspart.

Leicht hat es noch kein Bonner Verteidigungsminister gehabt. Der erste, Theodor Blank, scheiterte am Ehrgeiz seiner Aufstellungsziele und resignierte: "Die Führung der Verteidigungspolitik bedeutet für mich mehr als ein Martyrium." Franz Josef Strauß, dessen Aufbauleistung unbestritten ist, ging in der Spiegel-Krise unter, nachdem er die Bundeswehr jahrelang hemdsärmelig als politischen Rammbock mißbraucht hatte. Sein Nachfolger Kai-Uwe von Hassel hatte bei der Konsolidierung der Bundeswehr nur begrenzten Erfolg und mußte wegen der Starfighter-Krise, die ihm zum Alptraum wurde, beinahe die Hardthöhe räumen. Gerhard Schröder stieß als erster Verteidigungsminister auf finanzielle Grenzen: Er mußte den Ausbau der Streitkräfte bei 460 000 Mann anhalten und verließ das Ministerium als ausgepowerter, kranker Mann. Helmut Schmidt packte viele personelle, strukturelle und rüstungstechnische Reformen an, doch ruinierte er dabei seine Gesundheit. Georg Leber verstrickte sich in eine Generalsaffäre nach der anderen und war am Ende verschlissen. Hans Apel liebte das Amt nicht; kein Wunder, daß er es lustlos und erfolglos führte. Und jetzt rückt Manfred Wörner, der achte Bundesminister der Verteidigung, in die Krisenzone.

Mit fast 500 000 Soldaten und 180 000 Zivilbediensteten ist die Bundeswehr der größte Dienstleistungsbetrieb unseres Landes; da können Betriebsunfälle nicht ausbleiben. Zumal nicht unter den rund 220 Generälen und Admirälen. Generalsaffären haben denn auch allen Ministern zu schaffen gemacht. Trettner (Gewerkschaftserlaß), Schnez (Heeresstudie 1969), Grashey (Innere Führung bloß eine "Maske"), Middeldorf ("Generalinspekteur de Maizière abschießen"), Krupinski (Rudel-Feier), Wust (Verratsfall Lutze), Wagemann (Führungsakademie), Bastian (Widerspruch zur Nachrüstung) – die Liste läßt sich verlängern. Jedesmal ging es um einen Zusammenprall von Prinzipien; jedesmal ging es um Vertrauen und Stil; und jedesmal war die Erregung in der Bundeswehr wie in der politischen Welt Bonns groß.

Der Fall Kießling gehört in eine Kategorie für sich. Wörner mochte den General. Er war mit ihm gut bekannt, ließ sich schon vor dem Wechsel in Bonn von ihm beraten und redete ihm danach immer wieder zu, trotz aller Schwierigkeiten mit dem Nato-Oberbefehlshaber Rogers auf seinem Nato-Posten auszuharren, wenigstens bis zum Frühjahr 1984. Die Vorstellung ist absurd, daß der Minister den deutschen SACEUR-Stellvertreter den Amerikanern geopfert oder eine Rufmord-Kampagne gegen ihn geführt haben sollte.