Das Theater kann von neuem beginnen: George Taboris "Godot" in München, Erich Wonders Performance "Scratch" in Düsseldorf

Es ist wie nach der Katastrophe. Vom kleinen Haus des Düsseldorfer Theaters ist nichts mehr übrig. Man sitzt in einem schwarzen Schacht, der nach unten in ein weit entferntes Bild wie in einen Tunnel abstürzt. Der Lärm, der Musik ist, entspricht dem Ausmaß der Katastrophe. Über uns, auf Schienen, hinter einem schwarzen Gaze-Schleier halb verborgen, knirscht und quietscht schauderhaft langsam der gespenstische Rest eines Eisenbahnwaggons auf den Tunnel zu.

Vor der ersten Zuschauerreihe schnellt ein Metronom aus dem Boden. Die Linse, die daran befestigt ist, verkleinert die Szene. Durch das Hin und Her des Metronoms ändert sich ständig der Maßstab des Bildes, das wir sehen. Ein Luftballon zerplatzt. An den Seiten des Schachtes erscheinen Filmberichte über die Situation draußen: Autoschlangen wälzen sich am Schauspielhaus vorbei, auf der einen Seite stadteinwärts, auf der anderen stadtauswärts. Durch die Bewegungen des Bahnwaggons verändert sich das Licht im Schacht, wird hell und bleich. Aber bald schiebt sich die Bahn wieder in die Ausgangsposition zurück. Ruhig wird es trotzdem nicht: Erich Wonders (nach "Rosebud") zweite Düsseldorfer Performance heißt "Scratch". Das ist nicht nur die englische Vokabel für "kratzen", sondern auch eine neue Art, Musik zu machen. Man mischt Platten ineinander, läßt Musikstücke sich überlagern und spielt sie mit falscher Geschwindigkeit oder rückwärts ab. So wie Heiner Goebbels die Musik, hat Erich Wonder den Raum erfunden: lauter konkurrierende Einfälle, die einander nicht zu einem kompletten Bild ergänzen, sondern sich gegenseitig überlagern, übertreffen, unterbieten, zerkratzen. Eine sehr deutsche und gründliche Performance, die von ihren attraktiv arrangierten, eindrucksvoll choreographierten amerikanischen Vorbildern nur noch einen Kratzer übrigläßt. Zerstörung einer theatralischen Form.

In diesem Schacht des Schreckens erscheint im Dunkel ein Mann, der Schauspieler Wolfram Berger. In ein defektes Mikrophon spricht er ziemlich beliebig ausgewählte Texte, zum Beispiel aus einem Buch für Festreden oder Schlagerverse und Sätze von Karl Valentin. So eindrucksvoll der Schacht, so wenig beeindruckend ist der Mann. Ein Schauspieler geht unter: "Scratch".

Es ist kein schöner, kein kunstvoller Untergang. Der Auftritt des Schauspielers ist tatsächlich eine Pleite. Ein Bühnenbildner hat einen Raum erfunden, ein Musiker (der schon für Peymann und Neuenfels komponiert hat) die Musik, ein Schauspieler eine Solonummer. Dann hat man alles zusammenmontiert. Das Thema war dieser Zusammenprall, der Thema die Katastrophe. Jeder hätte verlieren können. Es verlor der Schauspieler. Wenn ich das schreibe, ist das kein Verriß für Wolfram Berger, sondern nur ein Teil der wirklichen Geschichte dieses Abends, die alles, nur kein perfektes Kunststück sein wollte, sondern eher: ein Pilot-Projekt zur wollte, tik des Untergangs, dem Thema dieser Jahre.

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Erst wenn der Abend in den nächsten Wochen wiederholt und Wolfram Bergers Untergang in dieser "Musikrauminstallation" Repertoire werden wird, ist Wonders Streich zu Ende. Wonder wird längst in Paris sein, um mit Luc Bondy eine Schnitzler-Premiere vorzubereiten. In Düsseldorf perfektioniert der Schauspieler inzwischen seinen Fall. Vom Künstler bleibt der Perfektionist, vom Absturz die Technik, von der Geschichte die Mechanik. Dann ist "Scratch" nur noch schlechtes Theater, auf französisch: Repertoire, obwohl Wonder sich weder an die Kunst der Performance noch an das Theater des Repertoires gehalten hat.