Wer erinnert sich nicht? Ein erleichtertes Kopfnicken, zustimmendes „Genau!“ ging durch die Reihen der Bürger draußen im Lande, als der Kanzler vor Jahr und Tag mit der Faust auf den Tisch haute, weil er seine vom Computer ausgestellte Stromrechnung nicht mehr verstand (und im Geiste, aber doch so, daß es jeder hören konnte, hinzufügte: Wenn ich nicht, wer dann...?)

Da war sie entlarvt, die Arroganz öffentlich bestellten und bezahlter Bescheidwisser. Dem daten- und begriffsstutzigen Endverbraucher knallten sie ihren Bescheid vor die Füße, in wichtigtuerischer Ausführlichkeit gespickt mit Zahlen, Kennziffern und Codefeldern, maschinell ausgedruckt, gelocht, gefaltet und frankiert.

Außer der Zustimmung der Opfer hatte der Aufschrei keinerlei Konsequenzen; er war, seien wir ehrlich, schließlich nichts anderes als ein Beweisstück der Endlichkeit politischer Autorität. Nichts unterschied die nächste Stromrechnung von der früheren; bei gutem Willen und genauer Prüfung ließ sich ausmachen, daß einige Zahlen unter den Datenspeicher gefallen waren, doch was übrigblieb, reichte zur Verwirrung des Durchschnittskunden aus.

Um so überraschender war die Meldung aus Wiesbaden. Ausgerechnet dort, wo niemand es vermutete, in der Finanzverwaltung nämlich, hat eine eigens hierfür eingesetzte Kommission über das Menschliche im allgemeinen und im besonderen Kontakt mit den Steuerpflichtigen nachgedacht. Kein Zweifel, da waren Experten für Bürgernähe am Werk. Lange haben sie gegrübelt, wie es anzustellen sei, den Menschen, für jeden sichtbar, in den Mittelpunkt staatlicher Bemühung zu stellen. Ein einfaches Zeichen sollte es sein, aber eben doch von verblüffend klarer Wirkung.

Es scheint gefunden. Wer in Hessen Post vom Fiskus erhält, sollte keine Zeit für den behördengrünen Umschlag verschwenden (der trägt statt einer Briefmarke seit eh und je den staatstragenden Appell: „Schreib öfter nach drüben, sie warten drauf“). Besser ist es, den Blick gleich auf die letzten Zeilen des Schreibens zu lenken. Entdeckt er dort ein nüchtern-distanziertes „Hochachtungsvoll“, ist Vorsicht am Platze. Vermutlich handelt es sich dann um eine Mahnung, die Empfehlung eines Offenbarungseids oder die Androhung einer Zwangseintreibung. Unterzeichnet der Steuereintreiber hingegen „mit freundlichen Grüßen“, darf der Empfänger aufatmen; mehr als ein paar Braune wird’s nicht kosten.

Der Erlaß ist erst wenige Tage alt und somit geeignet, all die neuen, neben den Kassen der Buchhandlungen ausgelegten Leitfäden und Ratgeber zur Steuererklärung, unter reißerischen Titeln wie „Legale Steuertricks“ angepriesen, überholt erscheinen zu lassen. Finanzminister Reitz ist der Auffassung, daß Briefe nun einmal die Visitenkarte des Absenders seien und deshalb möglichst verständlich abgefaßt sein sollten, Insbesondere bat er die Kommission, darauf zu achten, daß die Finanzbeamten in ihrer Korrespondenz „obrigkeitsstaatliche Relikte“ tilgen, auf Fachausdrücke und Fremdwörter verzichten und nicht den Ehrgeiz zeigen, zu viele Informationen in einen Satz zu zwängen. Denn: „Der Ton macht die Musik“, sagt Reitz. Was er meint: Freundlich Gegrüßte lassen sich williger schröpfen, Höflichkeit bannt ihre Widerstandskräfte.

Wer sich trotzdem im Gestrüpp der Pauschbeträge und Werbekosten, der Festsetzungsbescheide und Bemessungsgrenzen, der anerkannten Mehraufwendungen und vorläufigen Befreiungen verfängt, dem sei Trost zuteil