Von Rudolf Walter Leonhardt

Varta" bevorzugt einen Erscheinungstermin um die Jahresmitte und bezieht dann das nächste Jahr gleich mit ein: 84/85. Am Ende des Jahres 1983 erschienen: "1984 Michelin Deutschland", "Schlemmer-Atlas Aral 1984", "Gault Millau 1984 Guide Deutschland", "VIF Restaurantführer 1984".

Michelin arbeitet (wie Varta) nur mit Symbolen (null bis drei Sterne, rote Farbe für "besonders angenehm"). Die anderen drei bringen Texte – aber was für welche!

"Aus versteckten Lautsprechern rieselt jene Art von Musik, die uns schon immer peinigt, bevor die Lufthansa abhebt ... Eine international gemischte Brigade ist ständig unterwegs, zumeist mit sich selbst beschäftigt ... Bei der Brust von junger Landente war nicht nur die Haut ‚knusprig gebraten’: Das arme Tier muß, in der Pfanne vergessen, ein furchtbares Ende genommen haben."

So Gault Millau über das Vorzeige-Restaurant des Hamburger "CP-Plaza" Hotels. Michelin und Schlemmer verzichten weise auf Bewertungen. VIF stellt immerhin fest, das Restaurant sei "elegant im English Style mit Steaks und Pianomusik".

Noch ein Beispiel: der "Erbprinz" in Ettlingen, eines der angenehmsten Restaurants zwischen Flensburg und Konstanz. Michelin gibt ihm immerhin einen Stern. Schlemmer: "Auch erfahrene Gäste sind der Überzeugung, daß man der sonst hochgehaltenen Auffassung, wirklich gut könne man nur in den französischen Spitzen-Restaurants essen, nicht unbedingt zu folgen braucht, sofern man in der Nähe von Karlsruhe ist und Zeit hat, einen Abstecher nach Ettlingen zu machen." VIF: "... was hier im ... Restaurant auf die schönen Teller kommt, ist ... sauber gekochte, gute neue Küche ..." Gault Millau: "Immerhin gelang es uns, einen Aperitif bei einer Kellnerin zu erbitten (aber nicht zu bekommen), ehe wir zur Menü-Bestellung aufgefordert wurden. Die Küche folgte der Service-Devise, daß es egal ist, ob ein Gast zufrieden geht oder nicht."

Die Beispiele sind nicht gezielt, sondern zufällig ausgewählt. Und damit können wir Gault Millau vergessen. Das eine Mal macht er sich lustig über ein Restaurant, das der Erwähnung nicht bedurfte; das andere Mal kränkt einer, der offenbar gekränkt worden ist dadurch, daß er keine Vorzugsbehandlung erfahren hat. So ist Gault Millau zweifellos der lesbarste und witzigste der deutschen Restaurantführer, aber seine Witze gehen immer auf Kosten anderer, auch der Benutzer, die die wenigen zuverlässigen Informationen, die sie hier bekommen, von den vielen unzuverlässigen ja nicht unterscheiden können.