Wer in den elysäischen Gefilden nach Jacob Burckhardt Umschau halten dürfte, würde ihm schwerlich unter den Scharen disputierender Gelehrter, gewiß nicht im Kreise seiner kunsthistorischen Fachgenossen begegnen, vielleicht aber in der Gegend antreffen, wo Gottfried Keller und Arnold Böcklin beim Wein sitzen. Dem Dichter und Maler zugesellt, genießt er dort das wunderbare Schauspiel, dem Geist der Menschheit erkennend nachzugehen.“

Wilhelm Waetzoldt, der Kunsthistoriker, beschreibt hier freundschaftlich, was den realen Ruhm und den kollegialen Zweifel an Jacob Burckhardts Werk ausmacht: daß der Autor des berühmten Buches über „Die Kultur der Renaissance in Italien“ ein Universalist war und kein Spezialist. Dabei erklärte sich das Interesse des Mannes, der selber in jungen Jahren in romantischer Manier gedichtet und gezeichnet hatte, an den größeren kulturhistorischen Zusammenhängen oder der Gesamtheit einer historischen Figur nicht aus einem Hang zur großen, pauschalen Geste. Es war, ganz im Gegenteil, Burckhardts Ehrfurcht vor den historischen Organismen mit all jenen Verzweigungen und Details, die seine Kollegen kaum für beachtenswert gehalten hatten, die ihn zum Polyhistor werden ließ. Daß er darüber hinaus ein Literat von hohen Graden war, der die Vergangenheit in lebendiger Anschauung für die Gegenwart verbindlich zu machen verstand, machte ihn zu einem jener im deutschen Sprachraum so seltenen Wissenschaftler, die über die Grenzen ihres Faches hinaus Popularität genießen.

Wer heute nach Italien reist, der greift wohl eher zu den praktischen „Merian“-Heften als zu Burckhardts „Kultur der Renaissance“, die 1860 erschien, oder seiner „Cicerone“ genannten „Anleitung zum Genuß der Kunstwerke Italiens“, die dem berühmteren Werk 1855 vorausging. Aber für den Italienreisenden, der nicht nur eine sternchenbestückte Reise absichern, sondern sich auf eine Erfahrung und Entdeckung vorbereiten und einlassen will, gibt es auch heute noch keine bessere Lektüre als jenes trotz seiner nur 500 Seiten so umfassende Werk, das der Autor selber einen „Versuch“ nannte. Daß es auch eine Pflichtlektüre für Studenten der Kunstgeschichte ist (war?), widerspricht dem durchaus nicht. Denn die Gelehrsamkeit, die in diesem Buche steckt, stellt sich nicht in gespreizten Sätzen zur Schau, tobt sich auch nicht auf dem Nebenkriegsschauplatz der Fußnoten aus. Bei Leopold von Ranke in Berlin hatte Burckhardt als junger Student (der in seiner Heimatstadt Basel das Studium der Theologie und Philosophie begonnen und wieder aufgegeben hatte) im historischen Seminar die Grundregel für seine künftige Arbeit gelernt: seriöse Geschichtsschreibung, so hieß das strikte Gebot, kann man nur auf Grund der besten und auf ihre Zuverlässigkeit geprüften Quellen betreiben. Und dem Leser, der von heutigen Publikationen die Querverweise von einer Null zur nächsten, den Aufstand der Sekundärliteratur in ihren banalsten Exzessen kennt, dem fällt bei der Lektüre von Burckhardt sofort auf, daß hier von Petrarca bis zu Dante und Boccaccio, von Städte-Chroniken, Briefen und Gedichten bis zu Reden und Festesschilderungen nur die originalen lateinischen, italienischen und französischen Quellen benutzt und zitiert (und nur ganz gelegentlich durch einen Hinweis auf Ranke, Mommsen oder Grimm ergänzt) werden. Diese Quellen freilich sind nicht mehr und nicht weniger als der Boden, auf dem das Burckhardtsche Werk in seiner ganzen originalen Selbständigkeit gedeiht, sie werden nicht als Prunkzitate vorgeführt, sondern verweisen auf den Unterbau. Auch die schönste Passage aus Pico della Mirandola wird nicht zum Solitär innerhalb eines Textes, der selber ein Stück großer kulturhistorischer Literatur ist.

Nicht allein die Kunst, nicht die Politik, sondern die Kultur als die Gesamtheit von Politik, Wissenschaft, Religion, Philosophie und Kunst ist Burckhardts Thema; aber diese Komponenten; einer Epoche, die unter dem Namen Renaissance als das wohl leuchtendste Kapitel europäischer Kulturgeschichte gefeiert wird, sind keine absoluten Werte, sie gewinnen ihren Sinn und ihren Glanz erst durch den denkenden, handelnden und planenden Menschen, der sie möglich machte, durch jenen „uomo universale“, der, wie Burckhardt sagt, „ausschließlich Italien angehört“.

Das 15. Jahrhundert und der Renaissancemensch faszinierten Burckhardt (der sich selber mit zunehmendem Alter von seinem eigenen „verrückten Jahrhundert“ distanzierte und ganz in die Einsamkeit seiner Basler Studierstube zurückzog), weil hier die „Zweckmäßigkeit, die Geltung des Individuums und seines Talentes... überall mächtiger als die Gesetze und Bräuche des sonstigen Abendlandes“ waren. Dieses Individuum allerdings lebte nicht nur aus sich selbst, es holte sich seine Ideale in der Reflexion der Antike, zielte auf das Postulat einer römisch-italischen Weltherrschaft. In dem Bündnis mit den Göttern Griechenlands lag aber nicht nur ein idealisch ästhetisches, nach rückwärts gewandtes Wunschdenken, hier lag zum Beispiel auch die ganz konkrete Chance der Befreiung vom Diktat der Kirche, die die Zeichen der Zeit auch sehr rasch begriff und ihren metaphysischen Anspruch in einen politischen ummünzte. Die Tatsache, daß die Kategorie der Sünde entdämonisiert und aufgegeben wurde zugunsten der Unterscheidung von Gut und Böse, setzte ein Kräftepotential frei, das sich im professionellen und geachteten Draufgängertum des „Condottiere“ (der sich, von welcher Abkunft auch immer, ein Fürstentum erkämpfen konnte) ebenso zeigte wie in dem Phänomen der „Virago“ (jener Frau, die die gleiche Erziehung und Bildung hatte wie der Mann, und die sich auf ihre Weise auch die gleichen Rechte nahm).

Daß die Blüte der Kultur, die für das Wort Renaissance steht, nur in einem nicht zentralistisch geordneten Land möglich war, versteht sich fast von selbst. Nicht Rom war der Ort, von dem aus die politischen Theorien und Doktrinen ins Land gingen, sondern Florenz; und kein Kaiser- oder Königshaus hielt die Macht beim eigenen Stammbaum, sondern die Visconti und Sforza in Mailand, die Medici in Flozenz, die Gonzaga in Mantua, die Montefeltro in Urbino und die Este in Ferrara befanden sich in manchmal eher edlem und meist eher unedlem Wettstreit um Macht und Einfluß, aber auch um Dichter, Maler und Philosophen.

Daß Burckhardt die Staatstheorien dieser ebenso machthungrigen wie kulturbewußten Männer und Frauen mit derselben Lust und Ernsthaftigkeit beschreibt wie die Modesitten und Moralbegriffe, das macht seine Darstellung dieser ungewöhnlichen Zeit zu einem ungewöhnlichen Lesevergnügen. Ungewöhnlich ist dieser immerhin über hundert Jahre alte, souverän gelungene „Versuch“ auch deshalb, weil lesbar geschriebene Wissenschaft im Deutschen fast nicht existent ist und wir auf einen Tovnbee, der in einem handlichen Band die Philosophie des Abendlandes auch dem Laien begreiflich macht, wohl in Ewigkeit warten müssen. Burckhardt hat diese Ewigkeit auf das angenehmste unterbrochen. Petra Kipphoff

Petra Kipphoff ist Redakteurin im Feuilleton der ZEIT