Der greise Habib Bourguiba hat die Macht nicht mehr fest in der Hand

Von Roger de Weck

Tunis, im Januar

Wird es ein Knabe oder wieder ein Mädeben? Dieser Tage schenkt ihm seine Frau ein zweites Kind. Bald wird alles noch enger werden im Dunkel des fensterlosen Raums, der der Familie als armselige Unterkunft dient. Ein Vergilbter Kalender an der Wand, zwei Liegen und ein Kinderbett sind die Ausstattung. Nur in der Ecke wackelt noch ein alter Schrank, dessen Türe laut quietscht, als Abdelaziz sie öffnen will.

Der junge Mann humpelt zu seiner Liege zurück, eine dunkelbraune Cordhose in der Hand – jene Hose, die er am Mittwoch voriger Woche anhatte, als die gefürchteten „Brigaden der öffentlichen Ordnung aufmarschierten und ein paar Salven abfeuerten, Abdelaziz zeigt wortlos die klaffende Einschußstelle: Die Kugel bohrte sich in seinen rechten Unterschenkel Wann kann der mittellose Maurer wieder arbeiten und seine neun Mark Tagesverdienst nach Hause bringen? Aber der Straßenprotest hat sich gelohnt. „Hamdoullah“, „Gott sei Dank“, wird der Brotpreis doch nicht verdoppelt.

„Ich annulliere die beschlossenen Preiserhöhungen“, verkündete Habib Bourguiba, Tunesiens greiser Präsident auf Lebenszeit. Viel Zeit freilich blieb ihm nicht, um sein fast schon drei Jahrzehnte währendes Regime zu retten. Zum dritten Mal binnen sechs Jahren wurde das Land von einer schweren Krise geschüttelt. Im Januar 1978 war es zu einem blutigen Generalstreik gekommen; wiederum im Januar, dem Monat der Preiserhöhungen, war 1980 ein von Libyen angezettelter Aufstand in der Industriestadt Gafsa niedergeschlagen worden.

Im Januar 1984 aber drohte die Revolte in eine Revolution umzuschlagen. „Erstmals kam es in ganz Tunesien zu Unruhen“, sorgt sich der linksbürgerliche Oppositionspolitiker und einstige Innenminister Ahmed Mestiri, Die kleineren Ortschaften des armen Südens erhoben sich ebenso wie die Zweimillionen-Hauptstadt im fruchtbaren Norden, während das gesamte tunesische Establishment weitab in der Provinz das 50jährige Jubiläum von Bourguibas Destur-Partei zelebrierte.