Hörenswert

Günter Möll, Martin Möller: „Like a bird on the wing“. Es ist erstaunlich, wieviel Gitarrenmusik auf Schallplatten herausgebracht wird. Noch erstaunlicher ist aber das dennoch verhältnismäßig gute Durchschnittsniveau, zumal die Findigkeit mancher Musiker, ihre Originalitäts-Lust. Damit, jedenfalls, ist den Gitarristen Möll und Müller ein freundlich anregendes Konzert geglückt. Sein Charakteristikum ist der Gebrauch zweier Saitensorten auf ihren Akustik-Gitarren: Stahlsaiten, die hell und spitz, Nylonsaiten, die warm und rund klingen. Die Musiker nutzen diesen eigenartigen Kontrast, indem sie versuchen, den Spaltklang zu überspielen, ohne ihn zu vertuschen, genauer: indem sie ihn in musikalische Struktur verwandeln. Dabei kommen ihnen zwei Vorlieben zugute: die zu lateinamerikanischer (Gitarren-)Musik und die zum Jazz. Die „Latin-Jazz-Fusion“, die sie in ihrem Dutzend charaktervoller Stücke praktizieren – in Soli, Duetten, auch mit anderen Mitspielern –, geht sehr ins Ohr: eine Art von 18-Uhr-Musik, wenn man nach Hause kommt, für Mißmutige von balsamischer oder, je nach dem, aufweckender Wirkung. Trotzdem eine Musik, die genaues Hinhören lohnt. (Stockfisch SF 100 000; k + m Produktion, Jollystraße 10, 7500 Karlsruhe) Manfred Sack

Jean-Philippe Rameau: „Les Grands Motets“. So kennt man den Autor von Tragédies lyriques („Hippolyte et Aricie“, „Samson“, „Castor et Pollux“, „Dardanus“), von Opern-Balletten, Comédies-ballets und Ballett héroiques („Les Paladins“, „Les Indes galantes“, „Anacréon“) oder von Piecen für das Clavecin, den Chef d’orchestre eines Generalsteuerpächters und späteren Kammercompositeur von Louis XV kaum: mit Motetten, genauer: Arien, Duetten und Chören zur katholischen Liturgie. Sie stammen in der Regel vom jüngeren Rameau, der sich als Organist langsam hochdiente (und später auf ein frühes Stück zurückgriff, es bearbeitete, neu herausbrachte). Stücke, die eine neue Glaubensbefindlichkeit ausdrücken, die Entdeckung, daß auch im Gottesdienst ein bißchen Theater gespielt, daß Macht repräsentiert wird. Auch wenn man es theoretisch noch nicht wahrhaben will in dieser ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts: da ist viel Lautmalerisches zu hören und Ausdrucksstarkes, und die Versuche, sich in altbackene Techniken zu flüchten, gelingen nur scheinbar. Menschen sind es, die hier klagen und jubeln. Solisten, Chor und Orchester der Chapelle Royale versuchen, den Stil der Zeit zurückblickend zu treffen, und in der kleinen Besetzung klingen die Stücke merkwürdig modern: betroffen und mit einer menschlichen wie musikalischen Inbrunst. (Harmonia mundi France/Radio France HM 1078). Heinz Josef Herbort