Die Hamburgischen Electricitäts-Werke vermarkten ihr Know-How weltweit

Die Stadt Buraydah in Saudi-Arabien ist den meisten Bundesbürgern nicht einmal dem Namen nach bekannt; für einige Mitarbeiter der Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) ist der Ort in der Wüste dagegen fast zur zweiten Heimat geworden. Nachdem 1977 ein entsprechender Auftrag aus dem Ölstaat gekommen war, machten sich zunächst vier Hanseaten auf den Weg, um einen Plan für die Elektrifizierung der Provinzhauptstadt und ihrer Umgebung zu entwickeln. An Ort und Stelle fanden sie allerdings außer einem primitiven Stadtplan kaum Unterlagen, auf die sie sich stützen konnten. Ausgerüstet mit einem Kompaß und dem Kilometerzähler ihres Autos mußten sie sich deshalb erst einmal auf den Weg machen, um Straßen und Wege der Region genau zu vermessen und sich ein Bild von den potentiellen Stromabnehmern zu machen.

Nach zwölf Wochen, die ihnen wie Arbeit in einem Backofen vorkamen, war es dann soweit. Die Studie mit den Plänen für ein modernes Versorgungsnetz war fertig. Seither haben die Saudis bei allen weiteren Schritten immer wieder den Rat von Fachleuten aus Hamburg gesucht: bei der Ausarbeitung der Ausschreibungsunterlagen, bei der Prüfung der Angebote von Firmen aus aller Welt, bei der Bauüberwachung und beim Betrieb der Anlagen.

Für die Mitarbeiter eines Elektrizitätsversorgungsunternehmens, die sonst nur für die Stromversorgung eines genau abgegrenzten Gebietes in der Bundesrepublik zuständig sind, erscheinen solche Auslandsaufträge ungewöhnlich – nicht dagegen für Spezialisten von HEW. Einzeln oder in kleinen Gruppen tauchten sie in den letzten Jahren immer häufiger außerhalb ihres eigentlichen Versorgungsgebietes auf – in München und Dortmund ebenso wie in der Schweiz, in England oder Brasilien. Mal ging es darum, in Libyen ein Kraftwerk in Betrieb zu nehmen, ein anderes Mal sollten Kollegen in Norwegen oder Japan mit der in Hamburg entwickelten „neutralen Fahrweise“ des Wasser- und Dampfkreislaufs in Kraftwerken vertraut gemacht werden. In anderen Fällen waren eilige Wartungs- und Reparaturarbeiten in Afrika oder um Personalschulung in Lateinamerika der Grund für die Reise.

Die Flugkarten für solche Reisen bezahlt allerdings nicht die HEW. Die Berater reisen vielmehr im Auftrag von Consulectra. Diese Tochtergesellschaft der Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) wurde vor zehn Jahren gegründet, um „eine Nische im Bereich der Consulting-Firmen zu füllen“, wie es Heinz Knebel, einer der beiden Geschäftsführer, ausdrückt. Es war die Idee des damaligen HEW-Vorstandsmitgliedes Ernst Zander, das in der Muttergesellschaft vorhandene Expertenwissen systematisch zu vermarkten, also technisches Know-how und Managementwissen anderen Firmen gegen entsprechende Bezahlung zu verkaufen.

„Bei HEW sind Erfahrungen vorhanden, werden Verfahren entwickelt und Erfindungen gemacht, die auch für andere Unternehmen interessant sind oder für Behörden und Institute von Nutzen sein können“, erklärt Uwe Janssen, der vor allem für die technische Beratung zuständige Geschäftsführer. „Außerdem gibt es hier wie in jedem anderen Betrieb Experten, die nicht immer voll ausgelastet sind und schließlich auch noch freie technische Kapazitäten – vom Schallmeßraum bis zur Datenverarbeitung. Zudem fallen bei Entwicklungsarbeiten oder im Rahmen des betrieblichen Vorschlagswesens oft Nebenprodukte an, die im eigenen Unternehmen nicht verwendet werden können, für unsere Kunden aber sehr interessant sind.“

Das aus der Sicht der HEW skurrilste Nebenprodukt ist ein Stuhl zur Behandlung von Krampfadern, den ein Techniker des Hauses entwickelt hat. Bei den Elektrizitätswerken kann niemand etwas damit anfangen; unter den auf die Behandlung solcher Leiden spezialisierten Ärzten fand Consulectra aber begeisterte Abnehmer. Dieses Nebengeschäft wird dennoch nicht an die große Glocke gehängt, weil es nicht so recht zum Image einer großen Elektrizitätsgesellschaft paßt. Das trifft schon eher bei einem Aerosol-Prüfsammler zu, der zunächst für den eigenen Bedarf entwickelt wurde, heute aber auch anderen Betrieben zur Verfügung steht. Freie Kapazitäten in der Kfz-Reparaturwerkstatt werden genutzt, um diese Geräte zu produzieren.