Von Marina Vaizey

Der „Genius von Venedig 1500-1600“ ist die schönste Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen, von Drucken und Skulpturen venezianischer Kunst, die je gezeigt wurde – trotz zweier erheblicher Einschränkungen.

Der erste Nachteil: Venedigs Architektur und die landschaftliche Anmut seiner Umgebung sind nicht verschiffbar. Doch vermittelt der musterhaft ausgestattete Katalog mit sorgfältig ausgewählten Photographien und mit geschichtlichen wie kunsthistorischen Texten eine Vision dieses fehlenden Ambiente. Zudem ist es der Ausstellungsleitung gelungen, mit subtilem künstlerischen Gespür die Werke in den hohen, weitläufigen Räumen der Academy so zur Geltung zu bringen, daß eine Ahnung der ursprünglichen Zusammenhänge erhaben bleibt.

Die zweite Einschränkung hängt mit der Sorge um die Erhaltung von Kunstwerken zusammen: Es werden keine Tafelbilder gezeigt – darum fehlen Bellini und Giorgione. (Dennoch hatte 1979/80 das Los Angeles County Museum in der Ausstellung „Das goldene Zeitalter venezianischer Malerei“ Tafelbilder von beiden Künstlern gezeigt, Leihgaben aus amerikanischen Sammlungen, dazu das vermutlich von Bellini auf Leinwand gemalte Bild: „The Drunkeness of Noah“ aus Besançon, das auch die Academy zu zeigen gehofft hatte. Freilich war in Kalifornien nur etwa ein Drittel der Gemälde zu sehen, die jetzt in London ausgestellt sind.) Verzichten mußte man schließlich auch auf die großformatigen mit Hunderten von Figuren bevölkerten Bilder von Veronese aus dem Louvre und dem Prado.

Da aber die National Gallery und die Wallace Collection nur einen Spaziergang weit von der Academy entfernt liegen, läßt sich ohne Übertreibung sagen: London beherbergt während dieser Wintermonate die beste Sammlung transportabler venezianischer Kunst.

Seit Generationen verbindet die Engländer mit Italien eine romantische Zuneigung. Die Bildungsreisen der jungen Aristokraten führten stets durch Rom; britische Künstler, Archäologen und Topographen hielten die Begeisterung für die Antike wach; und in den englischen Sammlungen nimmt die italienische Kunst einen hohen Rang ein. Deshalb erfreuen sich auch die Franzosen Poussin und Claude Lorrain als Vertreter der römischen Schule besonderer Wertschätzung bei den Engländern. Es ist kein Zufall, daß sich nahezu die Hälfte alter erhaltenen Zeichnungen Raffaels in vier englischen Sammlungen befindet. Keats starb in Rom, Robert und Elizabeth Browning lebten in Florenz, Shelley ertrank in der Nähe Genuas bei einem Bootsunglück, Byron hielt sich viele Jahre in Italien auf, Edward Gibbons’ „Geschichte des Niedergangs und Verfalls des römischen Reiches“ ist das bedeutendste Werk eines englischen Historikers aus dem 18. Jahrhundert, und E. M. Försters Novelle „A Room with a View“ beschreibt das Leben der Engländer in Florenz – die Reihe von Beispielen ließe sich fortsetzen.

Zu Venedig besteht eine besonders enge Beziehung, seit Konsul John Smith für königliche Kunden venezianische Kunstschätze erwarb. Sie wurde mit John Ruskins Meisterwerk „Die Steine von Venedig“ gefestigt und gewinnt heute mit der Gründung von „Venedig in Gefahr“, einer gemeinnützigen Stiftung zur Rettung der Stadt, fast