Von Monika Putschögl

Das Lob Gottes dröhnt so gewaltig, daß die Blätter an den Bäumen zu zittern scheinen. Nicht mit Schellen und Schalmeien, mit der Elektronik-Orgel wird der Gesang über die Insel getragen, die in träger Mittagshitze döst. Jesus hold my hand“ jubeln die stämmigen Negerinnen im Sonntagsstaat, das Feiertagsnütchen auf dem Kopf, und ein Baby wiegt sich im Reggae-Rhythmus auf dem Schoß seiner Mutter. Eine alte Frau huscht durch die Reihen, drückt uns ein abgewetztes Gesangbuch in die Hand, damit auch wir einstimmen können in das fröhlichlaute Lied. Sonntagsmesse in der „New Testament Church“ auf der Antilleninsel Nevis.

Sie haben allen Grund, den Schöpfer zu preisen, die Einwohner von Nevis, denn er muß in Sonntagslaune gewesen sein, als er sich daranmachte, das kleine Eiland zu entwerfen. Es sieht aus, als wäre es das Vorbild für all die großen Karibikinseln gewesen, ein Modell ohne Fehl und Tadel, und nachgerade so himmlisch, als hätte es der liebe Gott geschaffen, um sich selbst dort sonntags auszuruhen.

93 Quadratkilometer ist Nevis groß, aus seiner Mitte wächst ein Berg gleichen Namens zu einer respektablen Höhe von 985 Metern auf. Um seinen Gipfel tanzen fast immer ein paar weiße Wolken. Als Christopher Columbus im Jahre 1493 auf seiner zweiten Reise in die Neue Welt die Insel – von ihren indianischen Ureinwohnern Oualie genannt – entdeckte, gab er ihr den Namen Nevis (was man Nivis ausspricht), weil der von Wolken umspielte Berg ihn an den Schnee (spanisch „nieve“) der Berge Iberiens erinnerte.

Dichtes grünes Buschwerk wucherte damals auf dem Inselchen. Erst die englischen Kolonisatoren, die sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf dem Eiland vulkanischen Ursprungs niederließen, legten den Grundstock für die üppige Pracht, die heute Nevis überzieht. Sie pflanzten den Brotfruchtbaum, als billige Nahrungsquelle für ihre Sklaven, und den Mangobaum, sie zogen Kokosnüsse und Zuckerrohr. Dazwischen begann ein wahrer botanischer Garten zu sprießen, seither blühen Bougainvillea und der Hibiskus in sattem Gelb, flammendem Orange und strahlendem Rot.

Dem Zuckerrohr verdankt Nevis eine touristische Attraktion. Es wurde auf riesigen Gütern angebaut, zu denen nicht nur wuchtige Windmühlen, sondern auch prächtige Herrenhäuser gehörten. Als die Sklaverei abgeschafft war, als der Zuckerrohranbau nicht mehr recht lohnte, verfielen viele der Anwesen. Heute sind sie wieder aufgebaut – als feudale Feriendomizile. Der Traum vom karibischen Urlaub auf Landsitzen mit alten Möbeln und mit modernen Bungalows, umgeben von weitläufigen, blütenstrotzenden Parks, hat seinen Preis: etwa 70 bis 145 US-Dollar pro Tag.

Die „Montpelier Plantation“ war solch eine Kolonialruine, als die Familie Milnes Gaskell aus Großbritannien sie vor 20 Jahren übernahm. Das Photoalbum macht die Runde mit den Bildern von dem verrotteten Anwesen und seiner zerbrochenen Windmühle aus dem Jahr 1794. Aus dem Schutt erstand eine Anlage, wie sie zu Kolonialzeiten nicht schöner gewesen sein kann. Nach dem Dinner auf der Terrasse, begleitet von barocker Tafelmusik, dem Zirpen der Grillen und dem Quaken der Coquis, sammeln sich die Gäste in der Halle zu Cognac und Small Talk. Über dem duftenden Park wölbt sich ein mit Myriaden von Glitzersternen bestickter schwarzer Nachthimmel.